April | Corona Tagebuch #1

Reicht nur ok?

Corona macht uns alle ein bisschen bekloppt, mich natürlich eingeschlossen. Was für eine verrückte Zeit. Ich war lange unsicher, ob man wirklich noch mehr dazu sagen kann oder muss, aber keiner von uns weiß, wie lange und mit welchen Folgen für unser Leben uns diese Pandemie noch begleiten wird, also schätze ich, ist es noch nicht zu spät, mit einem Abriss meiner Gedanken in den letzten Wochen zu starten.

Kackwohnung

Ich hatte mich gerade wieder mit unserer Wohnsituation angefreundet, da grätscht mir diese verdammte Pandemie dazwischen und bringt mich um meinen hart erarbeiteten Frieden mit unseren hassgeliebten 95qm mitten in der Schanze. Wie viele Abende saßen wir an unserem Esstisch, hingen vor den üblichen Immobilienseiten und suchten eine passende Alternative zu unserer Stadtwohnung. Raus aus dem Zentrum, aber wie weit raus macht Sinn? Größer? Grüner? In welche Richtung? Zurück in die Heimat? Haus oder Wohnung? Kaufen oder Mieten? Garten oder Balkon? Puh.

Nur um dann wieder zurückzurudern, weil so, wie es ist, ist es eigentlich auch ok. Für Nägel mit Köpfen ist mir die Zeit in der Schwangerschaft und nach der Geburt viel zu wertvoll, um sie zwischen Kartons zu verbringen. Viel zu heilig für übereilte Entscheidungen, die im schlimmsten Fall nur aus Panik getroffen werden. Also beenden wir das Thema wieder. Punkt, Ende, Aus.

Mit Kindern in einer Wohnung ohne Balkon oder Garten zu leben, dafür aber ein Monatsgehalt hinzublättern, das ist nicht ok. Wir sind umgeben von Beton, das fühle ich gerade noch mehr als je zuvor und es engt mich so sehr ein. Henry will eigentlich nur raus, raus, raus, Steine und Stöcker sammeln, rennen, Fahrrad fahren, Ameisen zählen. Wir hängen gefühlt morgens schon zwischen den Seilen, weil der Tag um 7 Uhr noch so lang ist und die Energie von unserem Vierjährigen für mindestens drei Kinder reicht. Wir geben uns Mühe, ja, wir machen das Beste draus. Aber nach über sechs Wochen Alltag, Familienleben und Job auf 4 Zimmern und hochschwanger auf das nächste Familienmitglied zu warten, ist gerade eine echte Herausforderung. Für uns Eltern.

Corona Tagebuch #1 | Daily Malina

Das Kind ist im Familienhimmel

Kinder und Familien sind sehr unterschiedlich, behaltet das bitte im Hinterkopf.  Gerade in diesen Zeiten trägt jeder sein eigenes kleines Paket voller Sorgen und Kummer. Da ich im Mutterschutz bin, muss ich gerade keinen zweiten Vollzeitjob im Homeoffice wuppen, das ist irgendwie „Glück im Unglück“ schätze ich. So hab ich tagsüber deutlich mehr Zeit für Henry – wenn auch gleichzeitig weniger Zeit für mich, um die letzten Wochen (mittlerweile nur noch Tage) dieser Schwangerschaft zu genießen, mich auszuruhen und aufs Baby vorzubereiten, auch mental. Der April war für uns eh ein „Wartemonat“, wir haben keine Pläne auf Eis legen müssen, müssen keine Urlaube sausen lassen, sondern sind voll im Family-Modus.

Ich fühle mit allen Familien mit, die gerade auf voller Linie ihre Arbeit und Kinder unter einen Hut bringen müssen, homeschoolen, den normalen Alltag dazwischen quetschen und im schlimmsten Fall auch noch mit harten finanziellen Einbußen zu kämpfen haben. Das ist große Scheiße – i see it. Aber es gibt auch eine andere Seite in dieser ganzen großen Kacksituation, zum Beispiel die von meinem Sohn Henry und bestimmt auch von vielen anderen Kindern, die gerade einfach nur glücklich sind, mehr Zuhause zu sein. Davon muss und soll sich bitte niemand angegriffen fühlen, es geht nur um den Blick über den Tellerrand.

Denn es ist so: Henry ist ist im absoluten Familienhimmel angekommen. Es überrascht mich nicht, er ist ruhig, sensibel, ein Beobachter, kein Leader – und blüht gerade vor unseren Augen auf. Henry geht zwar gern in die Kita, aber hätte er die Wahl, dann würde er lieber zuhause bleiben. Er mag seine Erzieher, hat auch super Spielkumpels in seiner Gruppe, aber seine Comfort Zone ist Zuhause, hier ist er total locker, spricht ohne Ende und entwickelt sich einfach richtig super.

Er schläft auf einmal innerhalb von 2 Minuten ein, ist super ausgeglichen, isst vernünftig, entwickelt eine unglaubliche Phantasie, lernt jeden Tag verrückte neue Dinge (ich frage mich wirklich, wo er das alles aufschnappt), hält sich ohne Tränen an unsere Regeln (z.B. nur eine Folge „Sendung mit der Maus“ pro Tag), hilft beim Kochen und Aufräumen – und findet Basteln nach wie vor total blöd. Manche Dinge ändern sich eben nicht…

Er vermisst natürlich seine besten Freunde, seine Cousinen und Cousins und die Großeltern, versteht aber schon auch in seiner kleinen süßen Welt, dass wir uns „wegen Corona“ gerade nicht sehen können. So nach und nach haben wir unsere Regeln in den letzten Tagen ein wenig gelockert und treffen uns wieder mit unserer eng befreundeten Familie und den Kids, um ein wenig Normalität in den Alltag zurückzubringen. Das tut Henry und uns unheimlich gut! 

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Machen wir es richtig?

Das bringt mich zum Nachdenken. Mal unabhängig davon, ob wir Eltern den Ausgleich und die Zeit z.B. zum Arbeiten brauchen, während Henry in der Kita ist, frage ich mich einfach, ob die Entscheidungen, die wir ja vor allem aus rationalen Gründen getroffen haben, die richtigen sind. Klar, die Nähe zum Büro ist super, der Wohnort zwischen unseren Lieblingsvierteln auch, irgendwie zumindest, die vielseitigen Beschäftigung-und Spielmöglichkeiten an jeder Ecke. Die Betreuungsdauer für Henry hat sich im Laufe des letzten Jahres bei 6h pro Tag eingependelt, was für uns alle einfach am besten funktionierte. Aber…es bleibt halt dieses ätzende „aber“ in meinem Kopf, das mir während der letzten Wochen immer weiter in den Hals gerutscht ist.

Muss er wirklich jeden Tag in die Kita, wenn er doch am liebsten ein bisschen mehr Zeit alleine zuhause haben möchte? Muss ich wirklich so viel arbeiten? Wann will oder muss ich nach dieser Elternzeit wieder in den Beruf einsteigen? Sind die paar hundert Euro mehr es wert, dass Alex so wenig Zeit im Alltag mit uns verbringt? Corona führt auf jeden Fall dazu, dass wir mehr über unser Leben, dass sich sonst in all der Hektik total gut anfühlt, hinterfragen.

Und natürlich weiß ich die Gesundheit meiner Familie, das Dach über unseren Köpfen und den vollen Kühlschrank zu schätzen. Ich weiß, dass es in anderen Familien und Ländern gerade ganz, ganz andere Probleme gibt und einem im großen und ganzen gern mal ein #checkyourprivilege als Denkanstoß hinterher geschmissen wird. Aber das alles nur „ok“ ist, ist gerade trotzdem kein befriedigender Zustand. Ok heißt, wir leben, klar, wir sind gesund, wir müssen uns aktuell keine existenziellen Sorgen machen. Aber in unseren Köpfen passiert gerade so viel, was nicht ok ist. Wir haben keinen Platz zum Durchatmen, keinen Platz zum Alleine sein, kaum soziale Kontakt, keine Familie in der Nähe, Homeoffice, Kurzarbeit, hochschwanger mit einer verdammten Geburt zu Corona-Hochzeiten, ein Wochenbett zu viert. Ob wir das überleben werden? Sicher. Ob wir nach dieser Krise einige Dinge ändern werden. Ganz sicher.

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