Ruhiges Fahrwasser

Es ist ruhig geworden. So ruhig und klar, dass sich die Abendsonne im Wasser spiegelt. Eine glatte Oberfläche ohne schäumende Wellen, ohne das tosende Rauschen, wenn sie noch auf dem Meer brechen und dann im Sand verlaufen. Es gibt nichts friedlicheres, als ein stilles Meer, denke ich und vergrabe meine Füße im Sand. In dem Moment schmeißt Henry sich und seinen nassen, kleinen Körper in meinen Schoß und schlingt seine Ärmchen um mich. Ich wickle sekundenschnell das Handtuch um ihn und vergrabe ganz kurz die Nase in seinem Haar. Mein Kind. Es ist und bleibt das schönste Wunder für mich, dass diese kleine Person mein Kind ist.

Daily Malina | Nach der Fehlgeburt

Ich starre gerade das weiße Feld hier an und fühl mich wie ganz am Anfang. Wenn man etwas ganz lange nicht mehr gemacht hat, sind die ersten vertrauten Schritte ein bisschen wackelig, ungewohnt und voller Zweifel. Nach großem Leid an einen Ort der Erinnerung zurückzukehren ist immer ein bisschen schmerzhaft. Mein letztes Kapitel hier war meine verhaltene Fehlgeburt. Ein scheiß Kapitel. Darüber zu schreiben, in Worte zu verpacken, wie schrecklich dieser Moment der Erkenntnis, wie nüchtern das medizinische Prozedere danach war, hat mir geholfen, nicht zu implodieren. Ich habe nicht wirklich über das gewaltige Echo nachgedacht, dass mich von euch erreichte. Ich hab nicht glauben können, wieviele Frauen ganz und gar alleine mit ihrer Trauer bleiben mussten, weil sie ihnen nicht zugestanden wurde. Weil Fehlgeburten in unserer Gesellschaft wie Geheimnisse behandelt werden. Und so herzzerbrechend all diese Geschichten auch waren, musste ich mich um meine eigene kümmern. Und jetzt?

Sechs Monate später.

In ein paar Wochen wären wir zu viert gewesen. Ich stelle es mir nicht wirklich vor, das Bild in meinem Kopf ist nicht mehr so lebendig wie noch vor einigen Monaten. Es geht mir gut, denke ich. Das Atmen fällt mir wieder leichter, der Blick in die Zukunft schnürt sich nicht mehr so eng um meine Lunge. Eine Fehlgeburt ist eine Tragödie, ein verdammter Wink der Natur. Es fühlt sich an wie schrecklicher Liebeskummer, der sich für immer ins Herz gebrannt hat. Egal, wieviel Zeit vergeht.

Sechs Monate also. Das sind mindestens fünf Zyklen, um es wieder zu versuchen. Ich weiß mittlerweile, dass es viele Frauen gibt, die sofort wieder schwanger werden wollen. Das kann man psychologisch ganz unterschiedlich deuten: Vernunft, Flucht, Ignoranz, Panik, Schmerz. Nun bin ich keine Psychologin, nur betroffen und weil ich diese Frage oft gestellt bekomme, sage ich immer so etwas wie: Warte ein bisschen ab. Für dich und für deine Seele. Lass den Schmerz zu, erlaub dir zu trauern und ein Schritt nach dem anderen zu gehen. Für mich hätte sich das nicht richtig angefühlt. Ich hab nicht um diese Baustelle gebeten, aber ich weiß, dass ich mich erst um mein emotionales Ungleichgewicht kümmern muss, bevor ich mich nochmal verliebe. Und vielleicht nochmal verliere.

Daily Malina | Nach der Fehlgeburt

Ich glaube nicht, dass man das Loch des Verlusts mit einer neuen Schwangerschaft füllen kann. Diese verlorene Schwangerschaft, das verschwommene Bild unserer Zukunft ist ein Kapitel ganz für sich. Dieses Kapitel ist für immer mit meiner Geschichte verwoben, egal, wie sehr ich sie ignoriere, ihr keine zu große Bedeutung beimessen möchte oder so klein mache, wie es die Gesellschaft von mir verlangt: Ich war verliebt in dieses kleine pochende Herz, dass sich vielleicht in ein paar Jahren an einem Sommerabend am Strand in meine Arme geschmissen hätte, um abgetrocknet zu werden.

Jetzt hat sich mein innerer Sturm wieder gelegt. Ich bewege mich gerade durch ruhiges Fahrwasser und fühle mich wieder wie ich selbst. Das bringt so viel Leichtigkeit und Dankbarkeit in mein Leben zurück, dass ich mich einfach glücklich schätze, genau jetzt genau hier zu sein. Ganz langsam dreht sich meine Welt weiter, ein bisschen vorsichtiger als vorher, definitiv weniger euphorisch als vorher, aber in meinem Tempo und das ist ok.

2 thoughts on “Ruhiges Fahrwasser

  1. Laura

    „Ich war verliebt in dieses kleine pochende Herz, dass sich vielleicht in ein paar Jahren an einem Sommerabend am Strand in meine Arme geschmissen hätte, um abgetrocknet zu werden.“ – das war die Stelle, wo die Tränen endgültig kamen. Mein Baby ist nun 7 Monate alt und ich denke so oft, was für ein Wunder es ist, diesen kleinen gesunden Mann im Arm halten zu dürfen.
    Ganz viel Liebe für dich & deine Familie ❤

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  2. Kathrin

    Liebe Regina, du hast wieder ein mal so schöne und passende Worte gefunden
    Viele liebe Grüße

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