Lose Enden

Ich klappe alle paar Tage das leere Textfeld vor mir auf und sage: So, und jetzt erzählst du mal wieder was. Und dann fallen mir die Worte aus dem Kopf. Dabei denke ich den ganzen Tag, mal laut, mal leise, aber ich wusel mich so durch alles, was mich beschäftigt. Ich hab eigentlich eine ganze Menge zu besprechen, so ist es ja nicht, aber anscheinend bin ich noch nicht so weit. Ich bin nicht im Pause-Modus, ich stecke noch mitten im Wachstumsschmerz.

Dabei bin ich nicht ständig traurig oder niedergeschmettert oder voller Bitterkeit. Mir gehts gut, alles ist irgendwie wirklich sehr gut. Und das, obwohl gerade ganz schön viel bei uns passiert, ganz viel Bewegung in unserem Alltag ist. Das ist vermutlich gut, das heißt, es geht vorwärts, aber auch, dass ich meine Prioritäten neu setzen musste und muss, um irgendwie in Balance zu bleiben. Ich wiederhole mich und gerade fühl ich es einfach sehr: Das Leben ist nie nur gut oder nur schlecht und irgendwie ergänzt sich alles, was uns widerfährt. Deswegen sage ich auch nicht „Hey, mir gehts spitzenmäßig, alles ist großartig!“ sondern „Ich bin dankbar“. Weil ich es einfach wirklich bin, auch wenn ich nicht jeden Morgen voller Elan aus dem Bett hüpfe. Ich muss an manchen Tagen viel Kraft und Geduld aufwenden, um bei mir zu bleiben, damit sich das dumpfe Gefühl zwischen Bauch und Herz nicht zu schwer auf meine Lungen legt. Ich fühl den Wachstumsschmerz und die Traurigkeit in meinen Knochen und gleichzeitig alles Gute, alles Schöne, alle Liebe, die mich umgibt. Ich arbeite dran, will ich damit sagen. Und es wird besser.

Was willst du eigentlich?

In den letzten Monaten schwirrten so viele lose Enden durch mein Leben, das ich schon morgens nach dem Aufstehen Kopfschmerzen bekam. Es war nicht nur die Fehlgeburt und die leise Kapitulation meines Körpers, sondern als ob alle großen bedeutenden Fragen meines Lebens auf diesen einen schwachen Moment gewartet haben, um mich wie eine Welle mitzureißen und unter Wasser zu ziehen. Ohne, dass ich vorher Luft holen konnte. Will ich mehr Kinder, „nur“ einen guten Job, eine Karriere, mehr Zeit für die Familie, einen anderen Wohnort, was ist mit meiner Altersvorsorge, sollten wir nicht mehr reisen, Geld anlegen, vernünftig sein…ich bin aus dem Fragestrudel gar nicht mehr rausgekommen. Am Ende blieb das übrig: Ok, was willst du wirklich? Und fast noch wichtiger: Was brauchst du jetzt, damit es dir besser geht?

Nein, nicht wirklich das, womit man sich beschäftigen möchte, wenn der Himmel voller Gewitterwolken hängt, aber so, so wichtig. Und weil der Schuh verdammt gedrückt hat, hab ich angefangen, sie zu beantworten. Ich wollte unbedingt, dass es mir besser geht. Und so unangenehm die Antworten vielleicht auch ausfallen können: Es fühlt sich gut an, nach und nach wieder mehr Ordnung ins Chaos zu bringen.



Die losen Enden einfangen und Sicherheit schaffen. Mein Job als Freiberuflerin hatte viele, viele Vorteile und einen entscheidenden Nachteil: Absolut keine Sicherheit, keine festen Strukturen, keine Kollegen und keine echte Arbeitsroutine. Das ist total ok und sogar ein positiver Antreiber, wenn die mentalen Kapazitäten reichen, das alles mit den richtigen Gedanken, viel Power und ein bisschen Glück auszuhalten, aber in Kombination mit einer maximal beschissenen Situation wie meiner wollte ich wirklich nur eins: Raus aus der Unsicherheit, raus aus der finanziellen Verantwortung als Selbstständige, weil ich dafür einfach null Ressourcen übrig hatte. Den Gedanken, dass dieses Freiberuflerding vielleicht doch nicht meins ist, hatte ich schon vor einigen Monaten. Mit einem immer selbstständiger werdenden Kind boten sich einfach wieder mehr Möglichkeiten, mich wieder mehr auf mich zu konzentrieren – und mir fehlte mein altes Agenturleben.

Nachdem mein Fokus war, körperlich wieder auf die Höhe zu kommen, wollte ich einfach schnell in einen möglichst durchgetakteten, organisierten Arbeitsalltag. Ich hab all meine Kräfte zusammengenommen, das Universum ausnahmsweise mal auf meiner Seite gehabt und seit April einen neuen Job, der nicht besser hätte passen können. Mit meiner Unterschrift unter dem Vertrag fiel ein großes Gewicht von meinen Schultern. Es war genau die richtige Entscheidung an dieser Stelle, diese eine große Veränderung zuzulassen, um nur noch mehr gute Veränderungen, Menschen und Möglichkeiten in mein Leben zu lassen. Ich weiß noch nicht, was das für freiberufliche Projekte bedeutet, die mir am Herzen liegen, aber ich weiß, dass es der richtige Schritt war, um mich wieder in die Spur zu bringen und meine Bedürfnisse wieder in den Vordergrund zu rücken.V

Mich vom perfekten Plan verabschieden. Zwangsweise, es hätte ja auch gut gehen können. 3,5 Jahre Altersabstand zwischen meinen Kindern hätte ich wirklich, wirklich perfekt gefunden. Jetzt ist es so wie es ist und wenn irgendwann eine kleine Seele ihren Weg zu uns findet, wird es trotzdem perfekt sein. Ich hätte auch wirklich gern schwanger geheiratet, das hätte mir ganz gut in meinen perfekten Plan gepasst. Jetzt habe ich die Liebe meines Lebens nicht schwanger, aber aus tiefstem Herzen mit unserem größten Glück, unserem Sohn auf dem Arm, geheiratet. Bereit für alles, was kommt. Bereit für alles, was am Ende vielleicht nicht perfekt ist. Bereit für alles, was nicht perfekter sein könnte.

Was ich sagen will: Es ist ok, nicht jede Last alleine zu tragen, nicht jedes Kapitel mit zusammengebissenen Zähnen bis zum Ende durchzuhalten. Für mich ist das ok. Ich brauche meine Kräfte, meine Kapazitäten, meine guten Gedanken und Gesundheit für meine Familie und für ein gutes Leben. Ich helfe niemandem damit, das Gewicht zu stemmen – nur um es zu stemmen. Ich wollte auch keinen radikalen Schnitt unter alles setzen, dafür hängt mein Herz viel zu sehr an den Projekten, die ich in letzten Jahren mit aufgebaut habe. Aber in dieser speziellen Situation wollte ich vor allem über Wasser bleiben – deswegen habe ich ein paar Entscheidungen nur für mich alleine getroffen, nur für meinen Frieden und kriege wieder Luft.

In jedem Anfang…

…liegt vielleicht auch irgendein Zauber verborgen? Ich kann den Neuanfang, um den ich nicht gebeten hatte, akzeptieren und mich wieder ein bisschen über die Menschen und schönen Dinge freuen, die das Universum in mein Leben gebracht hat. Ich weiß, es ist immer auch ein bisschen unheimlich, neue Wege einzuschlagen, gewohntes Terrain zu verlassen, aber jeder Anfang, jedes bisschen Kraft ud Mut, dass man sich dafür von den Knochen kratzt, ist es wert. Hoffentlich. Fühle ich, denke ich.

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