Fehler im System

Meine Fehlgeburt in der 11.SSW

Ich lerne gerade: Ich kann ehrlich glücklich und dankbar für das sein, was ich schon habe und mich gleichzeitig zerbrochen fühlen. Ich bin überhaupt nicht verbittert, im Gegenteil, ich bin sogar froh, dass der Körper so klug ist, „Fehler im System“ zu erkennen und gleichzeitig sehr, sehr traurig. Ich würde so gern einfach da weitermachen, wo ich aufgehört hab und gleichzeitig die Zeit anhalten, um mal kurz zu begreifen, was in den letzten Wochen passiert ist. Die Welt ist nicht schwarz oder weiß, nur traurig oder fröhlich. Dieses Gefühl wird vorbeigehen. Aber jetzt gerade, in diesem Moment, ist das meine Realität. Ich fühl das Gewicht von diesem Paket auf meinen Schultern und weiß, dass es mich ab jetzt begleiten wird. Das dieses Kapitel für immer mit meiner Geschichte verwoben sein wird.

Warum machst du das?

Ehrlich gesagt, weiß ich auch nicht genau, warum es mir so leicht fällt, diese intime und dunkle Phase meines Lebens hier mit euch zu teilen. Meine Gedanken fliegen mal aus und drehen sich dann wieder im Kreis. Es hilft einfach, darüber zu schreiben, das Gewusel in meinem Kopf zu entknoten, auf eine Linie zu bringen, schwarz auf weiß. Wenn mich jemand fragt, wie es mir gerade geht, dann erzähl ich es auch. Ich breche nicht unkontrolliert in Tränen aus, aber es fühlt sich immer noch an, als würde ich über jemand anderen sprechen. Ich halt mich an meinen Worte fest, ich lass nicht los, weil ich Angst habe, dann erst recht zu fallen – und dafür fehlt mir gerade noch die Kraft. Aber wenn ich alleine bin, dann fühl ich alles und das ist ganz schön viel. Es ist nicht so, dass ich es nicht akzeptieren kann, aber ich versuche auch nicht, den Kloß in meinem Hals runterzuschlucken, als würde es davon leichter werden. Ich bin im Tief, alleine, aber nicht einsam.

Fehler im System | Fehlgeburt in der 11 SSW.

12-Wochen-Tabu

Ja, das ist irgendwie natürlich vernünftig, aber nein, gerade widerstrebt mir total, dass wir es hier so handhaben. Jede Frau, die sich ein Kind wünscht, wird mir zustimmen, dass man diese winzige Blubberblase im Bauch ab dem ersten Moment liebt, dass man diese wundervolle Neuigkeit eigentlich mit allen teilen will. Alles ab dem positiven Schwangerschaftstest ist so wahnsinnig aufregend. Ich meine, da wächst ein Baby im eigenen Körper, davon kann man sich nicht 12 Wochen lang ganz rational distanzieren, „falls etwas passiert“. Was ich und so viele andere Frauen erlebt haben (und erleben werden), ist unsichtbar für die meisten. Keiner konnte mir ansehen, dass ich schwanger war und jetzt nicht mehr bin. Das heißt nicht, dass ich das jetzt in meine Bio aufnehmen werde, ich muss meine Fehlgeburt auch nicht jeden Tag thematisieren, aber ich will sie auch nicht tabuisieren.

Als ich mich letzte Woche endlich überwinden konnte, meine Nachrichten zu öffnen, sind mir so viele liebe Worte, so viele Erfahrungsberichte, so viele rohe Gefühle entgegen geflogen, dass mir kurz die Luft wegblieb. Ich hatte überhaupt nicht den Wunsch, ein Tabu zu brechen, ein Thema auf den Tisch zu bringen, über das nicht gerne gesprochen wird, ich wollte einfach nur teilen, was ich fühle. Ich bin erschüttert, wie viele Frauen eine Fehlgeburt erlebt haben und mit ihrer Trauer alleine geblieben sind. Denen von ihrer Umgebung suggeriert wird, sowas sei eben normal, darüber werde nicht geredet und erst recht keine große Sache daraus gemacht, man versucht es eben wieder, sowas passiere nun mal, man solle sich davon nicht runterziehen lassen, es gäbe gute Gründe, vielleicht sei es besser so.

Puh. Ich kann nur sagen: Wenn jemand trauert, etwas Geliebtes oder Gewünschtes verloren hat, ist das alles wirklich große Scheiße und hilft kein bisschen. Wirklich nicht. Jede Frau, die eine Fehlgeburt erlitten hat, die diesen Schmerz und Verlust am eigenen Körper erlebt hat, leidet. Natürlich gibt es einen Grund, warum die Natur nicht jedes Baby durchwinkt, sondern „Fehler im System“ erkennt. Das ist super intelligent und wenn man es sich mal so richtig bewusst vor Augen hält, kann man für diesen Kontrollmechanismus sogar ein bisschen dankbar sein. Aber all die schöne Logik macht den Verlust nicht leichter.

Trauer unterteilt sich nicht in groß oder sehr groß und schlimm oder halbschlimm. Jeder Verlust ist es wert, betrauert zu werden und zwar so, wie es sich gut und heilsam für einen anfühlt. Darüber zu sprechen, zu schreiben, meine Gefühle kommen und gehen zu lassen, hilft mir sehr, die Fehlgeburt zu verarbeiten.

 

Ich bin nicht schuld!

Ja, meine meine ersten Gedanken nach der Diagnose  klangen in etwa so: „Was hab ich falsch gemacht? Hab ich mich zu viel mit der Arbeit gestresst? Henry zu oft getragen? Die Erkältung nicht vernünftig auskuriert? Stimmt etwas nicht mit mir?“ Das ist natürlich Quatsch, das wusste ich von Anfang an, aber mittlerweile fühl ich es auch genauso. Das ist kein kosmischer Wink mit dem Zaunpfahl. Ich bin nicht schuld und niemand hätte etwas daran ändern können.

Also lerne ich Tag für Tag, damit umzugehen. Ich frag mich nicht, warum ausgerechnet uns das passiert ist. Ich gebe auch niemandem die Schuld dafür. Ich bin nicht verbittert. Ich halte mich nicht für eine Versagerin. Ich bin nicht kaputt. Ich überlege nicht mehr, was ich falsch gemacht haben könnte. Ja, ich kann auch den Anblick von schwangeren Frauen und süßen Babys ertragen, du meine Güte, ich bin ja immer noch ich. Ich suche nicht händeringend einen tieferen Sinn dahinter. Ich bin einfach nur traurig, dass es vorbei ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.