Wie erzählt man die kurze Geschichte einer großen Liebe?

Missed Abortion

Ich glaube an das Gute, daran, dass am Ende wohl alles irgendeinen Sinn macht, dass gute Gedanken und frische Luft es schon wieder richten werden. Und sowas glaubt sich grundsätzlich etwas leichter, wenn die wirklich schlimmen Dinge anderen passieren. Aber jetzt gerade spüre ich nur dieses unerträgliche Brennen in meiner Brust, kann meinen eigenen Worten nicht glauben, die meine Geschichte erzählen…und daran lässt sich überhaupt nichts Gutes finden.

Leises Rauschen

Ich hab mich so in den Herzschlag unter meinem verliebt, in das Bild von uns zu viert, auf das vor uns liegende Jahr, in meinen wachsenden Bauch, auf dem sich tagsüber immer wieder meine Hände ausruhten. Seit 5 Tagen weiß ich, dass unsere kleine Hoffnung keine mehr ist. Ich werde nie vergessen, wie leise ein Ultraschall ohne Herztöne klingt. In meinem Hals steckt ein bitterer Kloß, mir entgleiten die Worte, mein ganzer Körper tut weh, ich will nicht einschlafen, nicht träumen, nicht alleine sein. Ich will keine Entscheidungen treffen, ich will keinen klaren Kopf behalten, ich will all meine Tränen am liebsten direkt ins Meer weinen.

Es waren nur 10 Wochen, sagt mein Kopf. Wahrscheinlich gibt es einen guten Grund. Wahrscheinlich ist es besser so. Wahrscheinlich. Aber ohne diese ersten zarten 10 Wochen gibt es die anderen 30 überhaupt nicht. Natürlich habe ich mich Herz über Kopf in das kleine Wesen in meinem Bauch verliebt, hab wie beim ersten Mal ungläubig die raketenschnelle Entwicklung beobachtet, mich über meinen kleinen runden Bauch gewundert. Ich hatte schon so viele Bilder in meinem Kopf, von unserem letzten Sommer zu dritt, einem kleinen eingemuckelten Herbstbaby im Tragetuch, Henry als großer Bruder, Weihnachten zu viert. Wir hatten es uns so gewünscht. Wir waren so bereit für unser kleines zweites Wunder. Und dann ist alles, was bleibt, ein leises Rauschen und der Eintrag im Mutterpass: Missed Abortion in SSW 11.

Missed Abortion

Eine verhaltene Fehlgeburt, erklärt uns meine Frauenärztin. Ich höre ihr überhaupt nicht zu, in meinen Ohren rauscht es immer noch. Muss raus, muss weg hier, das kann doch nicht wahr sein. Alex fährt mich nach Hause, hält mich fest, trauert mit mir, ringt mit mir nach Worten und findet keine. Er leidet, ich leide. Wir waren keine Sekunde auf das eingestellt, was uns bei dem Termin erwartete.Das passiert doch nicht wirklich uns, oder? Das hätte ich doch gemerkt. Ist es jetzt einfach vorbei? Können wir nicht noch irgendetwas tun?

Die anderen sind jetzt wir.

Mein Körper ist dagegen, ich kann das verstehen. Mein HCG Wert ist immer noch viel zu hoch und es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Fehlgeburt bald passiert. Ich könnte sie abwarten und wenn ich nicht schon ein Kind hätte, würde ich es vielleicht tun. Ich halte das Warten und die Ungewissheit aber nicht aus, kann den Gedanken nicht ertragen, dass es vielleicht passiert, wenn ich mit Henry alleine oder draußen bin. Ich will nicht auf dem Badezimmerteppich zusammenbrechen, wenn mein Körper endlich verstanden hat, dass das kein Leben mehr in meinem Bauch ist. Ich will danach nicht hören, dass trotzdem noch Gewebe in der Gebärmutter sitzt, das raus muss. Das schaff ich einfach nicht. Ich werde unser kleines Sternenkind nicht weniger vermissen, wenn ich unsere gemeinsame Reise beende, denke ich, also mache ich den Termin im Krankenhaus. Curettage klingt viel netter als Ausschabung, geht es mir noch durch den Kopf, als ich in der Warteschleife hänge.

Wie gehts dir?

Ich weiß nicht, wie ich mich fühle. Ich weiß nicht, was ich antworten soll, wenn mich jemand lieb fragt, wie es mir geht. Hilflos und überfordert trifft es vielleicht ganz gut. Und traurig. Ich bin so unendlich traurig. Voller Trauer um das, was wir verloren haben. Ich habe das Gefühl, über jemand anderen zu sprechen. Ich fühle manchmal alles und manchmal gar nichts. Ich weine im Supermarkt, auf dem Spielplatz, im Auto, im Bett. Aber ich lache auch, ich freu mich über die warmen Tage, über die lustigen Geschichten von Henry. Irgendwie dreht sich trotzdem alles weiter. Und auch wenn ich immer noch nicht glauben kann, dass dieser Verlust jetzt für immer mit unserer Geschichte verwoben ist, ist da noch mehr. Ich fühl so viel Demut für das Wunder, ein gesundes Kind in sich zu tragen und auf die Welt zu bringen. Und so viel Dankbarkeit dafür, dass wir dieses Wunder schon einmal erleben durften.

Ich schließe meine Augen, höre meinen Schmerz, meinen flachen Atem, fühl meine Tränen.

Und warte, dass das Rauschen vielleicht irgendwann wieder verschwindet.

9 thoughts on “Wie erzählt man die kurze Geschichte einer großen Liebe?

  1. Sabrina

    Ach du Scheiße :(
    Liebe Regina, es gibt zwar keine passenden Worte dafür, aber mir tut es so leid für dich und Alex und Henry. Ich kann nachvollziehen, wie sich das anfühlt, ich hab mein erstes Kind in der 9. Woche verloren. Die Zeit ist doof, viel Weinen ist natürlich und hilft. Mir hat auch Ablenkung geholfen und der Gedanke, dass es wohl nicht überlebensfähig gewesen wäre. Die Natur tut hier bestimmt das richtige.
    Es wird irgendwann leichter, aber du wirst es nicht vergessen und dich immer mal wieder fragen, wie es wohl vom Charakter geworden wäre. Und irgendwann bekommt auch ihr so wie ich ein Regenbogenbaby, dass es ohne diese Fehlgeburt so nicht geben würde <3 Und du kannst hoffentlich irgendwann akzeptieren dass der Weg ein anderer als gewünscht aber deswegen nicht schlechter ist. Und bis dahin sei traurig so viel du willst und brauchst.

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  2. Violeta

    Ah liebe Regina, ich fühle mit dir. Ich hatte letztes Jahr zwei Fehlgeburten erlitten und war auch unendlich traurig. Gott sei Dank haben wir unseren Sohn(fast 2 J.),ansonsten wäre ich total am Boden.
    Ich wünsche dir bald ein Wunder und neue Freude.
    Sei gedrückt!
    LG,Vio

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  3. Melle

    Liebste Regina,
    auch, wenn ihr uns nie persönlich gesprochen haben, uns nie begegnet sind, tut es mir unendlich weh, diese Worte zu lesen. Es bricht mir das Herz, was ihr gerade erlebt.
    Und gleichzeitig bewundere ich deine Stärke und deinen Mut, diese Wort zu teilen. Denn viel zu oft vergessen wir, dass es so viele Frauen, so viele Familien gibt, denen genau das passiert. Und zu oft machen wir uns nicht bewusst, wie schmerzhaft auch der Verlust eines ungeborenen Kindes ist.
    Euch wünsche ich von Herzen ganz viel Kraft und Wärme in dieser Zeit.

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  4. Anna

    Ich schicke dir ganz viele Liebe und Kraft. Es tut mir so wahnsinnig wahnsinnig leid für euch.

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  5. Sabrina

    Danke für deinen Mut, all das mit deinen Lesern zu teilen.

    Ich hoffe, dass Dir das ein klein wenig beim Verarbeiten hilft – falls das überhaupt möglich ist.

    Ich wünsche euch ganz viel Kraft, diese schwierige Zeit durchzustehen.

    Alles alles Liebe für euch! <3

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  6. Tina

    Ich liege hier und weine, deine Worte haben mich so sehr berührt. Wie furchtbar groß dein Schmerz sein muss, es tut mir so leid! Ich wünsche euch alles erdenklich Gute und schicke vor allem dir viel Kraft!

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  7. Jasmin-Sarah

    Ich sende dir unbekannterweise ganz ganz viel Liebe und einen kleinen Streifen am Horizont. Das Leben ist manchmal unfair. Ich habe eine Tochter und mag mir nicht ausmalen, wie es euch jetzt geht.. ich hoffe, ihr rückt nochmal näher zusammen und könnt diese dunkle Zeit irgendwann als Teil eurer Geschichte annehmen. Ganz ganz liebe Grüße, Jasmin

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  8. Anne

    Regina.
    Ich schicke dir Liebe, Kraft und Sonne auf der Haut (die macht nämlich ein warmes Gefühl und das kann man sehr gut brauchen).
    <3

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  9. Anja

    Liebe Regina,
    auch ich möchte dir sagen, wie leid mir alles tut und dass ich an dich und deine kleine Familie denke. Alles, alles Gute für euch! Liebe Grüße von Anja.

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