Eine Frage der Perspektive

Thoughts on Motherhood and Life

Ich.

Ich bin nicht perfekt, nein, ich bin ganz ganz weit davon entfernt. Ich bin viel zu emotional, ich weine zu schnell, ich kann innerhalb von Sekunden wütend werden – und mich genauso schnell wieder beruhigen, ich bin an manchen Tagen extrem dünnhäutig und ungeduldig. Manchmal hänge ich mich tagelang an blöden Nachrichten auf, ärgere mich und kann nicht locker lassen. Manchmal verliere ich vor lauter Aufgaben den roten Faden und kann mich nicht aufraffen, ihn wieder zu finden. Manchmal stecke ich in einem persönlichen Dilemma und komme einfach zu keinem Abschluss, schiebe Aufgaben auf morgen und übermorgen, den Papierberg in die letzte Schublade und hoffe, dass es irgendwie bald mal wieder besser wird. Manchmal bin ich mir selbst zu viel, bin genervt von meiner Art, dass ich so viel reden muss und nicht mal die Klappe halten kann. Bin gestresst davon, dass mein Tag von so vielen Faktoren abhängt, die ich nicht beeinflussen kann und die darüber entscheiden, ob ich am Abend mit einem guten oder einem schlechten Gefühl ins Bett gehe.

Ich habe deswegen vor einigen Monaten angefangen, meinen Alltag hier und da ein wenig zu „optimieren“, um schlicht und ergreifend nicht den Verstand zwischen der Arbeit und meiner neuen Aufgabe als Mama zu verlieren. Ich habe euch hier schon mit einem Augenzwinkern erzählt, was ich tue, um im typischen Familien-Alltagschaos nicht durchzudrehen. Den Kopf über Wasser halten, mehr ist es ja nicht. Aber natürlich ist das keine Lösung auf Dauer, manchmal wäre es ja auch einfach schön, wenn die Dinge laufen, wie sie sollen wenn die Punkte auf der To-Do Liste auch mal abgehakt werden, wenn man berufliche Erfolge genießen kann und das Familienleben wieder zur schönsten Sache der Welt wird.

Es ist nur so: Nichts passiert einfach, keine Aufgaben erledigen sich einfach, keine Familie organisiert sich einfach, keine Beziehung läuft einfach, beruflicher Erfolg stellt sich nicht einfach ein.

 

Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt. (Laotse)

 

Ich glaube, das Problem ist meistens, dass wir vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Wir können einfach nicht erkennen, was gut ist. Wieviel Gutes vielleicht direkt vor unseren Augen passiert, wie toll unsere Kinder sind, mit wieviel Hingabe und Mühe unser Partner seine Rolle ausfüllt, wie sehr wir unsere Kollegen schätzen, wie heilsam ein offenes Gespräch sein kann, wie schön es ist, über den Rand der eigenen Bedürfnisse zu schauen und etwas Gutes im Leben anderer anzustoßen, mit einem Lächeln, mit einem Wort, mit einer Tat.

Niemand ist von heute auf morgen plötzlich Ghandi und hat die Weisheiten dieser Welt inhaliert, aber manchmal braucht es nur einen Anstoß, einen Schritt in eine neue Richtung, um sich in eine erfülltere Lebensweise zu bewegen. Manchmal braucht es nur ein bisschen Ordnung in den eigenen Gedanken, Ordnung auf dem Arbeitstisch, Ordnung in persönlichen Beziehungen, um wieder freier atmen zu können und echte Dankbarkeit zu empfinden.

 

Eine Frage der Perspektive

 

Wenn du mich fragen würdest, wie viel Zeit am Tag ich einfach nur für mich habe, würde ich wahrscheinlich unverständlich den Kopf schütteln und fragen, was du meinst. Zeit für mich? Ich fühle mich eigentlich permanent gestresst, unter Druck, Dinge zu erledigen und gerade als Selbstständige hört die Arbeit ja auch nie wirklich auf. Wenn ich Zeit für mich haben könnte, arbeite ich in der Regel. Ich falle automatisch in einen Negativ-Modus, meckere über das, was noch zu tun ist, über Diskrepanzen mit Kunden, über schlechtes Backenzahn-Timing von Henry und könnte ewig so weitermachen. Dabei ist es nur eine Frage der Perspektive, ich bin nämlich eigentlich unendlich dankbar dafür, dass ich freiberuflich arbeiten kann, dass ich damit Geld verdiene, dass ich maximale Flexibilität habe und dass ich tagsüber so viel Zeit mit Henry verbringen kann, ich muss es mir nur öfter ins Bewusstsein rufen.

Wenn du mich fragen würdest, wie es gerade um meine Beziehung steht, wäre es vermutlich ähnlich. Ich würde meckern, dass ich alles alleine zuhause machen muss, dass ich mich alleine um Henry kümmere, dass ich die Einkäufe erledige und Essen koche, dass ich in meiner Mittagspause das Bad putze und die Waschmaschine anschmeiße, nur um Abends das Geschirr vom Tag abzuwaschen und meine Laune damit richtig in den Keller saust. Wenn ich einen Moment innehalte, würde ich sagen: Alex ist genau der liebevolle Vater, den ich mir immer für meine Kinder gewünscht habe. Dass er tagsüber so wenig Zeit mit uns verbringen kann, macht er am Wochenende tausendmal wieder wett. Er fragt jeden Abend, ob er Essen mitbringen soll, er kocht mir jeden Morgen einen Kaffee und küsst mich, bevor er zur Tür raus geht, er hält jede meiner Launen aus, die ihn nach seinem langen Arbeitstag zuhause erwartet, er führt jedes noch so absurde Streitgespräch und arbeitet immer an einer fairen Lösung mit mir. Er ist immer und in jeder Situation meine bessere Hälfte, ein Leben ohne ihn ist unvorstellbar für mich. Ich halte ihn meistens für so selbstverständlich, dass mir gar nicht in den Sinn kommt, dankbar für diesen Mann in meinem Leben und diese Beziehung zu sein.

 

Achtsamkeit und Dankbarkeit im Alltag

Es gibt viele Dinge, für die es sich lohnt, mal die Luft anzuhalten, im Moment zu bleiben und das Gefühl von echter Dankbarkeit zuzulassen. Achtsamkeit ist ein großes Wort, ich stolpere gerade ständig darüber, aber ich bin auch froh, dass es irgendwie zu einem anerkannten Lifestyle geworden ist. Einer, der Menschen dazu bringt, die innere Balance wieder herzustellen. Wir sprechen oft darüber, was wir für uns tun müssen, dabei glaube ich, ist das, was wir für andere und unsere Umwelt tun, mindestens genauso wichtig für unser seelisches Gleichgewicht.

Ich bin nicht perfekt, das werde ich nie sein, es gibt aber auch keine bessere Version meines Ichs, so bin ich eben. Ich habe jeden Tag die Wahl, ihn zu einem guten Tag zu machen, für mich und für andere. Ich hab die Wahl, kleine und große Entscheidungen selbstständig zu treffen, die mein Leben positiv oder negativ beeinflussen. Ich kann mein Tempo bestimmen, langsamer, dafür achtsam, dankbar, entschleunigt oder schneller, aber eben auch atemlos, manchmal kopflos, oft zu wenig überlegt. Ich versuche kleine und große Dinge an meinem Alltag zu verändern, meistens sind die Schritte so miniklein, dass sie sich überhaupt nicht nach Veränderung oder Bewegung anfühlen. Aber sie ändern am Gesamtbild so viel, ich schlafe besser, ich lache wieder mehr, ich arbeite wieder mit mehr Herz, kann verzeihen und vor allem, ich kann wieder mehr geben.

Ich werde in den nächsten Tagen ein wenig mehr darüber erzählen, was ich konkret verändert habe und woran ich arbeite, um einfach wieder mehr Dankbarkeit zu empfinden. Der erste Schritt? Ich führe ein Tagebuch. Ja…wirklich…aber dazu erfahrt ihr morgen mehr. 

 

3 thoughts on “Eine Frage der Perspektive

  1. Denise

    Liebe Regina,
    ich weiß gar nicht so richtig was ich schreiben soll, da ich so berührt bin. Dein Text trifft mich bis ins Innerste. Du hast so recht!!!! Mir ist dies vor ein paar Wochen auch klar geworden. Seitdem übe ich mich in viel mehr Gelassenheit, Achtsamkeit, versuche mich nicht so schnell zu ärgern und liebevoller zu meinem Mann zu sein. Es ist oft nicht einfach und die Gefahr ist wieder in alte Muster zu verfallen. Zum Glück kann ich mich sehr gut selbst reflektieren und ich versuche dann wieder den neuen Weg zu gehen. Es ist harte Arbeit aber ich glaube ganz fest dran, dass ich damit glücklicher werde.
    Ich wünsche auch dir ganz viel Kraft, Geduld mit dir und anderen, Zufriedenheit und Ausgeglichenheit. Und auch wenn es mal doofe Tage gibt – gibt es auch wieder Gute. Wir haben es ja selber in der Hand. Wenigstens ein bisschen.

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  2. Katja

    „Niemand ist von heute auf morgen Ghandi“ <3 ein großartiger Text! Ich befinde mich selbst im Moment in so einer Zeit, in der einem oft alles zu viel vorkommt. Zuviele Möglichkeiten, Optionen, Ansichten und Meinungen. Auch ganz ohne Mann und Kind konnte ich mich da wiederfinden. Wenn ich nur einen Moment innehalte, sieht alles viel kleiner aus, bin ich dankbar überhaupt die Wahl zu haben und vor allem für die Menschen um mich herum, die mich begleiten, egal wohin ich ungeplant losmarschiere.

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  3. Trine

    Wundervoller Text!
    Danke für das Teilen dieser Gedanken!

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