MOMLIFE: Wofür braucht man eine Beleghebamme?

Liebesbrief an meine Hebamme

Ich hatte vor einigen Tagen abends mal ein wenig Zeit mich durch die Nachrichten der letzten Tage zu lesen, was so in der Welt passiert ist, worüber ich mir Sorgen machen muss oder auch nicht. Und dann las ich, dass der Beschluss der Schiedsstelle zwischen Hebammenverband und Gesetzlicher Krankenkasse zum Nachteil der Beleghebammen in Deutschland getroffen worden ist. Vielleicht erinnern sich manche von euch daran, dass ich das große Glück hatte, Henry mit Unterstützung meiner Beleghebamme zu entbinden und im Wochenbett auch von ihr betreut zu werden. Alex und ich sind bis heute so dankbar dafür, weil wir uns ab der ersten Sekunde aufgehoben und verstanden fühlten, doofe Fragen stellen konnten und Wünsche äußern durften. Die Gewissheit, dass sie uns bei der Geburt von Henry zur Seite stehen würde, hat uns einfach jede Sorge genommen und die Zuversicht gegeben, in mich, meinen Körper und meine Kraft zu vertrauen. Die Geburt hätte auch ganz anders ausgehen können.

Ich könnte hier mit einem fetten Trauma sitzen, dass mich davon abhalten würde, überhaupt jemals wieder an eine Schwangerschaft zu denken. Stattdessen hat sich Henrys Geburt als das intensivste und emotionalste Erlebnis in meine Erinnerung eingebrannt, ich denke von Herzen gern daran zurück. Ich kann immer noch nicht fassen, was mein Körper da zustande gebracht hat, wo er die Energie hergenommen hat und weiß, dass ich das einfach nicht ohne meine Hebamme geschafft hätte. Die exklusive 1:1 Betreuung während der Geburt war genau das, was ich gebraucht habe und ich würde so vielen Frauen genau diese Erfahrung wünschen. Meine Hebamme war wie eine enge Freundin und Vertraute für mich, ich habe mich nach der Geburt auf jeden Besuch von ihr gefreut und führe so viel Gutes auf die sanfte Betreuung von ihr zurück. Es macht mich einfach immer wieder traurig, dass Frauen schlimme Geburtserlebnisse haben müssen, weil Krankenhäuser an Hebammen sparen oder weil ihnen gar nicht bewusst ist, inwiefern eine Hebamme wirklich helfen und unterstützen kann.

Nun sieht das Ergebnis einer schlechten Gesundheitspolitik leider so aus: Hebammen müssen, im Gegensatz zu Ärzten, privat haften und werden nicht über das Krankenhaus abgesichert. Die Verdienste von Hebammen decken die immens hohen Versicherungskosten immer weniger, diese liegen derzeit bei knapp 7000€/jährlich. Bei beidem – Versicherung und Bezahlung – muss die Gesundheitspolitik dringend eingreifen. sonst können freiberufliche Hebammen bald nicht mehr von ihrer Arbeit leben. Das ist fatal, denn eine Geburt ist – mal abgesehen davon, was da körperlich passiert – ein so tiefes, einschneidendes Erlebnis, bei dem sich jede Mutter zu 100% aufgehoben fühlen sollte.

 

Meine Hebamme als mein Anker in einer emotionalen Zeit

Wenn ich jetzt im Nachhinein mit Freundinnen, Müttern oder Schwangeren über die Geburt von Henry spreche, ist mein erster Satz eigentlich fast immer: „Ohne meine Hebamme hätte ich das nicht geschafft!“ Und erst eine ganze Weile nach der Geburt habe ich erfahren, was für ein Los ich eigentlich damit gezogen hatte, noch einen Platz in meiner Wunschklinik bekommen zu haben und damit das Rund-um-Sorglos-Paket.

Viele Mütter die ich kenne, haben nichts Gutes über die Geburt ihrer Kinder zu erzählen. Die meisten fühlen sich währenddessen (und danach) lieblos abgefertigt, mit ihren Sorgen und Schmerzen alleine gelassen, unverstanden und ungehört. Das ist so schlimm und so traurig, weil eine Geburt, nein, ich mach es mal konkreter an dieser Stelle, weil Henrys Geburt mit Abstand die krasseste körperliche und emotionale Erfahrung war, die ich je gemacht habe. Ich bin in jeder Art und Weise an meine Grenzen gestoßen und hab sie überwinden können, weil ich genau die richtige Unterstützung und Hilfe hatte, die ich in dem Moment brauchte. Ich konnte während der Geburt blind vertrauen – in mich, in Alex, in Henry und in meine Hebamme – das wir das als Team schon schaffen und dieses Gefühl ist unbezahlbar.

Ich will euch gar nichts vormachen: Ich hatte schon Angst vor der Geburt. „Respekt“, sagen die meisten, klingt auch deutlich besser als Angst vor etwas, wofür unser Körper gemacht wurde, und Respekt hatte ich auch vor dem, was mir bevorstand. Aber neben der Aufregung und Euphorie schwang eben auch Angst vor diesem extrem rohen Moment meines Lebens mit, vor dem „Ausgeliefert sein“, den Schmerzen, vor Komplikationen, vor den Dingen, die ich mir einfach nicht so richtig vorstellen konnte und die eben brutal real sind. Ich finde auch, so wunderschön eine Geburt und das erste Kennenlernen mit dem eigenen Kind sein kann, so wenig muss man den ganzen Prozess romantisieren und verharmlosen, nur weil Frauen seit Millionen Jahren Kinder bekommen. Klar, überlebt man das, aber ich bin sicher, dass jede Mutter zwischendurch denkt, dass sie es nicht tut. Ich wusste von Anfang an, dass ich die Geburt so natürlich wie möglich erleben wollte, ich wollte meinem Körper und der Natur vertrauen, ich wusste, dass ich dafür einfach keine negativen Gedanken zulassen durfte und locker lassen musste. Ich wusste von Anfang an, dass ich jemanden an meiner Seite brauche, der mich kompetent und an Ort und Stelle dabei unterstützt, mich motiviert, meine Wünsche und Sorgen kennt, im Zweifel mein Sprachrohr ist, damit Alex einfach nur das tun konnte, wofür ich ihn brauchte: Mich festhalten, mir Kraft geben, mit mir sprechen und gemeinsam unseren Sohn empfangen.

Was tut eine Beleghebamme?

Ich hatte keine Ahnung, was ich von einer Hebamme erwarten durfte oder wie ich eine finden sollte, bei der ich mich wohl und verstanden fühlte, bis ich ganz zufällig darüber stolperte, dass es in Hamburg Beleghebammen gibt (um genau zu sein weiß ich es erst, seit ich „Unter dem Herzen“ von Ildiko von Kürthy gelesen habe). Das Prinzip klang so perfekt, viel zu schön um wahr zu sein, aber ich versuchte es in meiner Wunschklinik, war mit meinen 10 Wochen auch eigentlich schon viel zu spät dran, aber hatte wohl einen guten Engel, denn ich bekam nach meinem Erstgespräch einen Platz  – wohlgemerkt als 1 von 12 Frauen, die monatlich mit den Beleghebammen entbinden dürfen.

Beleghebammen arbeiten selbstständig und eigenverantwortlich mit einer Klinik zusammen, in der ihre Patientinnen entbinden. Die Vorteile? Definitiv die engmaschige und individuelle Betreuung in allen Belangen rund um die Schwangerschaft und Geburt der Mutter, gepaart mit maximaler medizinischer Sicherheit. Was heißt das konkret? Ich hatte eine abwechselnde Vorsorgebetreuung während der Schwangerschaft mit meiner Gynäkologin und Hebamme, eine exklusive 1:1 Betreuung während der Geburt und die Begleitung zuhause im Wochenbett. Meine Hebamme war einfach viel mehr als nur eine Ratgeberin, sie fühlte sich während dieser Zeit wie meine engste Vertraute an. Eine Beleghebamme ist ein Traum, wenn ihr die Chance auf eine begleitete Geburt habt, nutzt sie unbedingt! Damit will ich die diensthabenden Hebammen in Krankenhäusern keinesfalls degradieren, aber wenn ihr euch jemanden an eurer Seite wünscht, der auch bleibt, der euch kennt und euch auch im Nachhinein betreut, dann ist das der schönste Weg! (Es gibt natürlich noch viele selbstständige Hebammen, die Mütter im Wochenbett begleiten und ganz nah an einem dran sind, gute Ratschläge geben, das Kind beobachten und das gute Gefühl in einem selbst bestärken. Lasst die Gelegenheit auf diese liebevolle Begleitung nicht aus, kümmert euch frühzeitig darum und sucht euch jemanden, der euch versteht. Das ist so viel wert!)

Der Nachteil ist natürlich, dass die Plätze begrenzt sind, man muss extrem früh dran sein und viele Bundeslänger haben das Konzept mittlerweile komplett aufgegeben. Meine Freundin zieht in wenigen Wochen von Hamburg nach Baden Baden, wo es schlicht keine Beleghebammen mehr gibt. Das ist schlimm, wirklich, eine absolute Niederlage der Gesundheitspolitik und eine Klatsche für jede Schwangere, die sich eine engmaschige Betreuung und Geburtsbegleitung durch eine Hebamme wünscht.

Wo ist das Problem?

Derzeit entbinden nur ca. 20 % aller Frauen mit einer Beleghebamme, viel zu wenig, wenn ihr mich fragt, Tendenz schwindend. Immer wieder geht durch die Medien, dass die Haftpflicht-Versicherungsbeiträge für freiberufliche Beleghebammen kaum noch bezahlbar sind, aktuell sind es knapp 7000 Euro pro Jahr. Die Verdienste von Hebammen decken diese immensen Versicherungskosten immer weniger. Bei beidem – Versicherung und Bezahlung – muss die Gesundheitspolitik dringend eingreifen, sonst können freiberufliche Hebammen bald nicht mehr von ihrer Arbeit leben. Das muss man sich wirklich mal überlegen: Eine Geburt bringt einfach nicht genug Geld rein, Hebammen können sich mit ihrer Arbeit nicht finanzieren. Die Bedingungen in Frauenkliniken und Geburtenstationen sind so schlecht, dass viele sich nicht einmal anstellen lassen wollen und lieber einen anderen Beruf ergreifen, als das kleinere Übel zu wählen. Der Umkehrschluss ist bitter: Immer weniger Frauen können eine stressbefreite, liebevoll begleitete Geburt erleben, weil sie z.B. oft bis zur Austreibungsphase mit anderen Gebärenden im Wehenzimmer liegen müssen, mithilfe von Wehenmitteln „Tempo“ in den Geburtsvorgang gebracht wird oder sie sich in Entscheidungsmomenten übergangen fühlen.

Was können wir dagegen tun? Ganz ehrlich, ich bin ratlos. Ich hab sogar ein bisschen Sorge, dass ich bei einem weiteren Kind vielleicht schon Opfer der neuen Gesundheitspolitik bin und meine Beleghebammen ihren Beruf gar nicht mehr in der Form ausüben können, wie ich es bei meiner ersten Schwangerschaft und Geburt erlebt habe. Vielleicht hilft es, das wir auf den Missstand aufmerksam machen, Hebammen zusprechen, wie wertvoll ihr Beruf ist und wie unersetzlich sie sind. Vielleicht hilft es, öffentlich darüber zu reden. Vielleicht. 

 

Weiterführende Links zum Thema:

http://www.unsere-hebammen.de/

https://www.hebammenverband.de/startseite/

https://www.gkv-spitzenverband.de/presse/themen/hebammenverguetung/thema_hebammen.jsp

 

 

 

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