Zwischen Herz, Kopf und schlechtem Gewissen

Ich sehe aus, wie ich mich fühle: Müde, erschöpft, ein bisschen abgekämpft, ein bisschen überarbeitet, vielleicht unzufriedener als ich sein sollte, nicht unglücklich, aber geschafft.

Ich seh dir an, wie du dich fühlst: Müde und erschöpft, gereizt, mit deiner Geduld und deiner Weisheit am Ende, nicht unglücklich, aber geschafft. 

Wir lassen es so stehen. Es fühlt sich besser an, nicht auszusprechen, was durch unseren Kopf spukt: Dass dieses Mama-Ding an manchen Tagen nicht exakt das ist, was wir uns erträumt haben.

Ich erklärte einer Freundin vor einigen Wochen, wie sich diese ständige innere Zerrissenheit anfühlt, zwischen Glück empfinden und Schuld fühlen. Wofür Schuld, fragte sie mich. Ich konnte es nicht richtig in Worte fassen oder greifen, das Gefühl war eben da.

Schuld, weil ich viel arbeite und Henry immer nur nebenbei beschäftigen kann. Schuld, weil meine Arbeit darunter leidet, mir aber wichtig ist. Schuld, weil ich Zeit für mich haben will. Schuld, weil ich mich nicht genug um meine Partnerschaft kümmere. Schuld, weil ich nachts schlafen will. Schuld, weil ich keine Geduld habe. Schuld, weil ich heißen Kaffee trinken will. Schuld, weil ich einen Film am Stück gucken will. Schuld, weil ich mich egoistisch fühle. Und schuld, weil ich es ausspreche.

Aber Glück, natürlich Glück, weil ich ehrlich dankbar über mein Leben bin, so wie es ist. Trotz kaltem Kaffee, trotz wenig Schlaf, trotz Rückenschmerzen, trotz allem.

Und jetzt bekomm das Gefühlschaos bitte unter einen Hut. Genau, es macht verrückt. 

Sobald die Slow-Motion-Babyblase erst einmal geplatzt ist, lieben wir unsere Kinder nicht weniger, sicherlich nicht. Sie bleiben ein Wunder, sie erden uns, sie erfüllen unser Leben mit so vielen kleinen und großen Momenten, die alles andere überstrahlen. Aber irgendwann holt uns alle die Realität ein  – und die muss keiner von uns romantisieren.

Ich spreche von realen schlaflosen Nächten. Realer Entzug von körperlicher Intimität. Reale Sorgen um die berufliche Zukunft. Realer Verlust von Freunden. Reales Erleben persönlicher Schmerzgrenzen. Reale Angst um das Leben unserer Kinder. Realer Kummer, hinter allen Prioritäten zu verschwinden. Reale Unsicherheit, ob man eine gute Mutter ist.  Reale Entbehrungen, auf ganz vielen Ebenen. 

Ich muss euch jetzt nicht sagen, dass die Liebe zu unseren Kindern überwiegt. Das tut sie, immer. Oder das mich ein echtes Lachen von Henry alles vergessen lässt. Und mein Herz platzen könnte, wenn er sich abends in meine Halsbeuge schmiegt und sicher geht, ob ich auch wirklich noch da bin, um dann leise zu seufzen und die Augen zu schließen. Darum geht es nicht. Wir stecken in diesem verrückt machenden Zwiespalt zwischen ganz realem Glück und einem verdammt schlechten Gewissen.

Es fühlt sich an, als wüsste mein Kopf längst Bescheid, aber mein Bauch kommt einfach nicht hinterher. Ich weiß, dass ich zwischendurch eine Pause brauche, weil ich – trotz Momsuperpower – tatsächlich nur ein Mensch mit begrenzten Ressourcen bin. Ich weiß, dass meine Wünsche, meine Träume und Ambitionen eine Rolle spielen. Ich weiß, dass ich auf mich Acht geben muss. Ich weiß, dass ich Nähe zulassen muss, um Nähe zu erleben. Ich weiß das alles. Aber neben Liebe, Stolz und Glück fühle ich eben auch Zerrissenheit und Angst. Die Situation ist nicht unlösbar, stimmt, mir fallen eine ganze Menge Dinge ein, die mir bestimmt helfen könnten. Und das ist das Problem mit rationalen Lösungen für unrationales Gefühlschaos – sie funktionieren nur in der Theorie.

Ich seh aus, wie ich mich fühle: Müde, schlapp und träge. Nicht unglücklich, aber geschafft.

Ich seh dir an, wie du dich fühlst: Sehr müde, gereizt, ungeduldiger als sonst, nicht unglücklich, aber…geschafft.

Ich bringe dir und mir einen heißen Kaffee mit. Ich frage dich nicht, was los ist, ich weiß es ja schon: Die Zähne, die Krippe, der Mann, das Geld, die Schwiegereltern, die Chefin. Aber lass uns drüber sprechen, die Gedanken zusammen sortieren, die Knoten zusammen lösen. Und dann sagst du, was ich denke: Dein Kind macht dich wahnsinnig, du willst endlich einmal alleine sein, du willst Sex, aber kannst gleichzeitig keine Nähe ertragen. Du willst essen, einfach in Ruhe essen, in Ruhe duschen, in Ruhe fürs Abendessen einkaufen. Das hast du dir anders vorgestellt, sagst du leise. Einfacher. Mehr als Team, weniger alleine. Und ich weiß genau, was du meinst.

Da sitzen wir, mit unserer romantischen Vorstellung vom Familienleben. Ohne Filter, ohne Floskeln, keine Caption, kein Hashtag, nur die Realität. Eine, in der ich nicht jede Sekunde vor Stolz platze. Eine, in der ich sorgenvoll auf meinen Kontostand starre. Eine, in der mich der Moment, in dem mein Kind aufwacht, schon die Hände vor den Augen zusammenschlagen lässt. Eine, in der ich meinen Wäschekorb am liebsten vom Balkon schmeißen würde, um ihn nicht mehr zu sehen. Eine, in der ich 3 Tage lang das gleiche T-Shirt trage. Und mich nur von Duplo ernähre. Eine, in der ich wochenlang keinen Sex habe. Geschweige denn daran denke.

Jetzt könnte ich an dieser Stelle vieles sagen, damit wir uns alle besser fühlen. Always look on the bright side. Aber wenn ich mir meine und deine Realität ansehe, wenn ich es darauf herunterbreche, was mir faktisch in den nächsten Jahren bevorsteht, würde ich es wieder tun? All die Zweifel, die Zerrissenheit, die Angst, die Sorgen? Kann ich mir die Frage stellen, ohne Angst vor meiner Antwort zu haben?

Ja, immer und immer wieder. Mein Kind ist mein Herzschlag. Genau das wollte ich, trotz aller Entbehrungen. Ich wusste ja, was auf mich zukommt. Aber nein, ich hatte keine Ahnung, wie schmerzhaft es sein würde, in meine Rolle als Mutter zu wachsen.

Wenn ich meine Gedanken und Zweifel ausspreche, werden sie auf einmal echt, fühlen sich schwerer oder auch leichter an, lassen sich viel besser greifen, lassen sich viel besser sammeln. Ich empfinde das als Lektion und als einen extrem wichtigen Prozess, den ich als Mutter, Partnerin, Freundin und Frau zulassen muss. Ich will mich gar nicht zu ernst nehmen, aber ich will mich reflektieren. Ich brauche die Nähe zu mir selbst, um mir vertrauen zu können und das klappt am besten, wenn ich mir mein Gedankenkarussell erlaube, Gedanken zu Ende denke und mir zugestehen kann, keine Antwort auf alles haben zu müssen. Nicht nur, um daran zu wachsen, sondern vor allem, um nicht durchzudrehen.

14 thoughts on “Zwischen Herz, Kopf und schlechtem Gewissen

  1. Katharina

    Danke Regina, du kannst dir nicht vorstellen, WIE SEHR mir dieser Blogpost gerade hilft. Danke für deine Ehrlichkeit!

    Antworten

  2. Meike

    Wow…ich bin überwältigt, so viel Ehrlichkeit…so viele Worte die sich keine Mama traut auszusprechen…so viel Selbstoffenbarung…
    Das hat mich berührt, danke dafür!!!

    Antworten

  3. lina mallon

    Das ist ein Artikel, auf den du sehr, sehr stolz sein kannst!
    Er ist so von Grund auf ehrlich und genau das, was ich gestern in unserem Gespräch meinte, angerissen habe, mein Wunsch danach, mehr Echtes zu lesen, gerade wenn es darum geht, von einem echten Leben zu schreiben.

    Danke dafür!

    Antworten

  4. Alexandra

    Deine Worte berühren mich immer wieder und bri gen mich zum nachdenken und nachfühlen, obwohl ich noch gar keine Mama bin. Danke für deine Offenheit, die ist wirklich ein ganz besonderes Geschenk ♡

    Antworten

  5. Lu

    Vielen Dank für diesen wunderbaren Text! Aus meinem Herzen durch deine Finger ins Netz, oder so ähnlich ;)

    Antworten

    1. Regina
      Regina

      Ich danke dir! <3 Ist angekommen!

      Antworten

  6. Trine

    Danke! So wahr!!!

    Antworten

  7. Sarina

    Hallo liebe Regina,

    was für ein gnadenlos ehrlicher Text, ich habe jede Zeile nachempfunden ❤️
    Ich bin nun bald seit 6 Jahren Mutter, bin früh Mama geworden (gewollt, mit 24) und empfinde dieses Gefühl immer noch in vielen Situationen. Der Grundton ändert sich, aber das Gefühl bleibt irgendwie bestehen, anders kann ich es auch nicht beschreiben.
    Ich finde es sehr schön und mutig, dass Du darüber schreibst, denn soviele Mütter (gerade frische Mütter) fühlen und denken das und trauen sich nicht es laut zu sagen. Will unsere Gesellschaft doch oft lieber die rosaroten Geschichten hören und nur die Supermoms sehen. Danke ❤️

    Antworten

    1. Regina
      Regina

      Liebe Sarina,
      das habe ich tatsächlich schon öfter gehört, vor allem von Müttern, die diesen Job schon etwas länger machen als ich. Manche sagen, dass sich dieses „fremdbestimmt fühlen“ nach 2-3 Jahren legt, darauf baue ich einfach mal! Lieben Dank für deinen Kommentar <3

      Antworten

  8. Malika

    Ich habe den Post jetzt schon zum dritten Mal gelesen (einmal gestern und einmal vorgestern) und bin immer noch baff. Ich glaube, das ist der ehrlichste und schönste Post, den ich je bei dir gelesen habe. Gänsehaut!
    Ich folge dir mal still, mal mit Kommentaren seit der Zeit, die du noch in Hannover wohntest und dich jeden Donnerstagmorgen mit Luise auf ein Kaffeedate getroffen hast. Es ist Wahnsinn und großartig, deine Entwicklung miterleben zu dürfen! Danke dafür. Du bist ein großes Vorbild für mich.

    Viele Grüße,
    Malika

    Antworten

  9. Anika

    Toll, dass du dich so offenbarst und über echte Ängste und Sorgen spricht anstatt diese zu verdrängen und dem happy-pretty-bubbly-life zu huldigen in dem alles toll sein muss weil schließlich liebt man sein Kind ja wohl. Genau das brauchen Blogs viel mehr. Ich wünsche dir viel Kraft beim Lösen dieser Themen, die bestimmt noch so viele Mütter mehr kennen als wir es uns alle vorstellen können.

    Alles Liebe,
    Anika

    Antworten

  10. Bettina

    Liebe Regina,
    Danke für diesen berührenden Text… seit 12 Monaten bin ich Mami, seit ein paar Monaten mehr lese ich immer mal wieder in „Mumlife“-Blogs rein und habe schon einige Male verwundert innegehalten und den Kopf ein wenig geschüttelt. Darüber, wie harmonisch und glücksbeseelt das Leben anderer Mütter doch scheinbar ist, wie ein dankbarer, liebevoller Moment sich an den nächsten reiht. Mir ist bewusst, dass hinter diesen heile-Welt-Inszenierungen oft Firmen stehen, die ihre Produkte in eben jener heilen Welt platziert haben wollen. Ein seltsam fades Gefühl, ein schlechtes Gewissen à la „oh, so schön sollte es sich eigentlich anfühlen, dieses Familienleben, warum ist das bei mir nicht 24/7 so?!“ kommt dennoch beim Lesen mancher Blogs auf.
    In meinem Alltag gibt es neben den schönen Momenten dann doch auch regelmäßig und mit voller Wucht Gedanken und Augenblicke, wie Du sie hier beschreibst. Schön, dass Du auch diese Seite des Mütterseins mit-teilst:-D

    Antworten

  11. Nadine

    Hey, toller Text! Du sprichst mir aus der Seele…. Ich kenne das Gefühl noch ganz genau. Aber umso älter sie werden desto mehr Luft bleibt….und du hast wieder mehr Zeit für Dich,deine Interessen. Das mit dem kalten Kaffee hat sich bei mir bis jetzt nicht geändert und mein Kleiner ist fast 5. Na ja….

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.