Wie ist es eigentlich, Mama zu sein?

Ich bin ein Sandwich-Kind: Nummer drei von insgesamt vier Kindern, die erste Tochter nach zwei Jungs und wurde bis zur Geburt meiner Schwester von allen geliebt und verwöhnt. Hach, das war schön, Nesthäkchen haben ein tolles Leben, ich durfte es sieben Jahre genießen. Bei mir zuhause war ständig eine ganze Menge Trubel los, irgendwer hatte immer besonders schlechte Laune, hat laut telefoniert, hat mit Mama (oder Papa) gestritten, Freunde da gehabt, Socken gesucht oder sehr schlechte Witze gemacht. Ich habe es geliebt mit meinen Geschwistern, auch wenn es früher durchaus Gelegenheiten gab, in denen ich das anders gesehen habe.

Solange das Thema „Familie“ nicht mehr als ein vages Konstrukt in meinen Gedanken war, habe ich mir immer viele Kinder gewünscht. Ich weiß noch, dass ich in der Abizeitung im „Wer bekommt als erstes ein Kind“-Ranking ganz oben stand, es war also in der Tat kein besonders gehütetes Geheimnis von mir. Ich habe mir so gut wie gar keine Gedanken darüber gemacht habe, welche Rolle ich eigentlich in meinem Leben spielen will, was ich erreichen will, welche Träume ich verwirklichen möchte. Komisch, aber ja, im Jahr 2007 klang es für mich absolut schlüssig, einfach Mutter zu werden und nebenbei einen netten Job zu machen. Ich war trotz meiner 19 Jahre komplett festgefahren, wusste nichts mit mir und meinen Talenten anzufangen, man könnte sagen, ich hatte keine echten Ambitionen und behaupte heute: Hätte ich mit diesem Mindset ein Kind bekommen, wäre das fatal gewesen. Ich war unglücklich, fühlte mich verloren, unverstanden, einsam und hatte den weiten Weg vor mir, mich selbst zu finden, mich meinen Schatten zu stellen und mit der Person anzufreunden, die ich war. Vor allem aber hatte ich überhaupt keine Ahnung, dass man nicht einfach Mutter wird. No teaser here, nichts daran ist einfach. Das weiß ich jetzt.


Life happened

Die Realität passierte, brach über mir ein, erst das Studium, Nebenjobs, dann echte Jobs, ein ständiger Struggle mit dem bisschen Geld oder Freizeit, das ich hatte. Die Vorstellung, in naher Zukunft überhaupt ein Kind zu bekommen,Verantwortung für einen kleinen Menschen zu übernehmen, klang alles andere als vernünftig, es kam mir viel mehr … absurd vor. Eine Familie zu gründen rückte in weite Ferne, ich war genug mit mir, meiner Beziehung, mit meinem Alltag beschäftigt, nein, ehrlicherweise zum größten Teil damit überfordert. Wir warteten also.

Ich lernte, dass die wenigsten Dinge im Leben, die, die man wirklich will, die man vor allem wirklich gut machen will, einfach sind. Mein Wunsch, Mama zu werden, blieb unverändert, aber meine Ansprüche daran veränderten sich. Ich lernte mehr, ich wusste mehr, ich machte neue Erfahrungen, wuchs mit meinen Aufgaben und wurde erwachsen.

10 years forward

Fast 10 Jahre ist das her, es ist eine ganze Weile vergangen, einiges ist passiert. Ich habe in dieser Zeit eine Menge über mich gelernt und die guten und schlechten Momente sind gut und wichtig gewesen, damit aus mir eine Person werden konnte, die Kraft aus sich selbst schöpfen kann. Ich weiß, wer ich bin, wofür es sich zu kämpfen lohnt, wie viel ich ertragen kann, wann ich um Hilfe bitten oder worin ich besser werden muss. Ich würde sogar sagen, ich bin eine starke Frau geworden und das macht mich wirklich stolz.

Ich habe immer daran gezweifelt, ob es den richtigen Zeitpunkt für ein Kind wirklich gibt, ob man den Moment oder das Gefühl auch wirklich erkennt. Eigentlich dumm, es zieht ja nicht an einem vorbei, winkt zum Abschied und kommt nie wieder. Die meisten Menschen möchten einen glauben lassen, dass es nie wirklich passt, ein Kind zu bekommen, vielleicht, weil es sich mit dieser „Erklärung“ einfacher leben lässt, egal ob man sich irgendwann dafür oder doch dagegen entscheidet. Ich glaube, das ist Blödsinn. Es gibt gute und weniger gute Momente im Leben, das muss ich hoffentlich keinem erklären. Und es gibt gute und weniger gut überlegte Entscheidungen im Leben. Ein Kind zu bekommen, sollte zu den guten Entscheidungen gehören, zu den guten Momenten, zu den überlegten Konsequenzen, die man bewusst und hoffentlich gewollt ein ganzes Leben lang tragen wird. Denn: Es wird nicht einfach. Es wird dem Leben in jedem Fall eine neue Perspektive geben, es wird viele Dinge ändern, Zeit bekommt eine neue Bedeutung, Lebensqualität auch. Und Liebe, Liebe fühlt sich plötzlich anders an, darauf kann man sich nicht vorbereiten, das passiert einfach.

Meine kinderlosen Freundinnen lachen immer, wenn ich sage, dass ich mir durchaus noch ein zweites Kind vorstellen kann, vielleicht sogar ein drittes, reißen die Augen auf, werden ganz hektisch, verziehen vor eingebildeten Schmerzen das Gesicht und fragen alle ausnahmslos: „Nach der Geburt, wirklich? Das würdest du dir wirklich nochmal antun?“ Und ich sage immer, ausnahmslos: „Girls, es hört ja nicht bei der Geburt auf und wird danach nur noch schön und lustig und einfach. Es wird wunderbar und es wird anstrengend, so anstrengend und so kräftezehrend, wie ich noch nichts anderes vorher erlebt habe. Aber es ist das größte Wunder der Welt, nichts ist noch…beeindruckender!“

I am a Tigermom

Diese Geburt gab mir das wunderbarste Kind und schenkte mir den intensivsten Moment meines Lebens. Es änderte alles und danach war ich bereit, alles zu tun und alles zu geben. Mama zu sein, jetzt, heute, das ist großartig. Ich habe mich noch nie so schwach, so angreifbar, so sensibel und trotzdem so stark, so emotional, so liebevoll und selbstbewusst gefühlt, wie heute. Ich schmunzle immer ein wenig darüber, dass ich mich Henrys „Tigermom“ nenne, aber so ist es: Ich beschütze Henry, ich kämpfe, ich trage, ich halte, ich wärme, ich kümmere mich um ihn. Für immer. Ich will, dass er es gut hat, ich wünsche mir nichts mehr als sein Glück und ein ganz wundervolles Leben. Ich will ihm das schönste Zuhause geben, ich will ihm eine geborgene Kindheit schenken und viele, viele Momente, an die er sich irgendwann zurückerinnern kann. Kleine Augenblicke, Geschichten, vielleicht bestimmte Gerüche oder Musik, bei denen ihm automatisch ein zartes Lächeln über sein Gesicht huscht. Ich liebe ihn mehr als alles andere auf der Welt. Für immer. Ich bin seine Mama. Für immer.

Maybe Someday

Irgendwann, wenn Henry groß ist, kann ich ihm eine Menge über Träume, über steinige Pfade und über Liebe erzählen und ich bin froh über jeden Fehler, der mir passierte und jede Scheißhürde, die meinen Weg kreuzte. Die besten Geschichten sind immer noch die, in den die Liebe gewinnt. Henry war ein Wunschkind, er hat unser Leben in jeder Hinsicht nur noch schöner gemacht, nicht einfacher. Ich bin froh, dass wir unseren Moment gefunden haben, um uns für unser erstes Kind zu entscheiden. Ich weiß nicht, was für eine Mutter ich vor 10 Jahren geworden wäre, aber ich weiß, dass ich heute stark genug dafür bin, die Mutter zu sein, die ich sein will. Meine kleine Familie ist mein kleines Universum. Ich kann uns tragen, ich kann mich um uns kümmern, ich kann uns bedingungslos lieben, weil ich von vorne angefangen habe: Ich habe nach langer Zeit aufgehört, gegen mich selbst zu kämpfen, ich stehe auf meiner Seite, ich bin mein Freund geworden. Mutter zu sein ist wie ein endlos verschachtelter Satz, in 10 Jahren werde ich vermutlich nicht viel weiser sein, und immer noch meine Formel suchen. Das ist ok, ich bin bereit für den Weg. 

5 thoughts on “Wie ist es eigentlich, Mama zu sein?

  1. Doris Day

    Sooo toll geschrieben Regina!!! Und ich stimme dir in jedem Satz sowas von zu und fühle wie du! Eine Tigermom zu sein, ist so etwas schönes und ich möchte auch nichts anderes mehr sein!

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  2. Miri

    Schön und berührend!
    Liebe Grüße,
    Miri

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  3. Yasmin

    Ach Regina,
    jetzt sitze ich hier und du hast mir mit deinem rührenden Text die Tränen in die Augen getrieben. Und das, obwohl ich zur Zeit sowieso so merkwürdig ungewohnt emotional drauf bin :D
    Ich finde deine Beschreibungen faszinierend und kann mir für mich selbst nur wünschen, auch mal so eine Tigermom zu werden. Du strahlst jedenfalls auf mich eine absolute Selbstsicherheit aus. Auch bei dir wird nicht alles „perfekt“ laufen, weil es das einfach nicht gibt, aber man merkt dir mit jedem Wort an, wie sehr du deine Aufgabe als Mutter liebst und eine starke Mom bist. Ich habe bei dir immer das Gefühl, dass du mit beiden Beinen im Leben stehst und auch wenn du mal strauchelst und uns ganz ehrlich von Schwierigkeiten berichtest, Vertrauen in dich selbst und deine Familie hast. Ich finde das absolut faszinierend und hoffe, dass ich mir da ein Scheibchen abschneiden kann.

    Alles Liebe,
    Yasmin

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  4. Trine

    Wunderschön geschrieben, liebe Regina. Ich kann noch gar nicht glauben, dass mein Kugelbauch bald weg ist und ich dann noch mehr Mama bin…

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  5. Alisa

    Da hast du richtig schöne Worte gefunden! Man merkt richtig, wie gerne du Mutter bist und ich denke, bessere Voraussetzungen fürs Muttersein gibt es gar nicht!

    Viele Grüße,
    Alisa von http://www.zeitvergessen.net

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