„Du verwöhnst dein Kind!“ | Eine Abrechnung mit falschen Ratschlägen.

Es war kurz nach Henrys Geburt, er war erst ein paar Tage alt, als ich den Satz zum ersten Mal hörte: „Verwöhn ihn doch nicht so! Wenn du Henry immer auf den Arm nimmst, gewöhnt er sich noch dran.“ Davon mal abgesehen, dass ich mich fragte: Und dann? Will er getragen werden bis er 12 ist oder was genau für ein Problem schaffe ich mir damit an?, ließ ich es so stehen. Ich hatte weder Lust noch Energie, darüber zu diskutieren, warum es außerordentlich unsensibel, unhöflich und überhaupt, total unnötig ist, einer jungen Mutter seine aufgeblasene Meinung aufzudrängen. I DON’T CARE. Außerdem war ich 24/7 damit beschäftigt, mein kleines Wunder zu beobachten, mich jeden Tag neu zu verlieben und konnte einfach nicht glauben, dass dieser süße Mops unser Sohn ist. Ich wollte ihn den ganzen Tag halten, an ihm riechen, immer und immer wieder diese klitzekleinen Füßchen in die Hände nehmen und an meine Lippen drücken. Ich hatte ein frischgeschlüpftes Baby, ich lebte in der schönsten Blase meines Lebens und dann kommt irgendwer großkotzig daher und sagt: Verwöhn dein Kind nicht. Wow, das nenne ich grob, kalt, aber vielleicht auch einfach nur sehr, sehr dumm.

Ich bin ein Herzmensch, ich höre auf meinen Bauch und verlasse mich in so gut wie jeder Angelegenheit auf meine Intuition. Und trotzdem stand auf einmal die Frage im Raum: Verwöhne ich mein Kind?

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Ein neugeborenes Baby mit Liebe, mit Zuwendung, mit Aufmerksamkeit zu verwöhnen? Das kommt mir immer noch absurd vor, aber ja, ich hörte Ratschläge, Anmerkungen oder schlichtweg Kommentare dieser Art nicht zum letzten Mal. Verrückterweise denkt offenbar jeder, völlig egal, wer, woher, warum und wieso, dass man sich als Mutter für all die absonderlichen Empfehlungen in Sachen Kindererziehung interessiert. Man meint es ja nur gut. Ich meine es übrigens auch nur gut und nehme denjenigen an dieser Stelle gerne einmal die Illusion: Nein, dem ist nicht so. Das ständige beratschlagen, diskutieren, durchsprechen, erwägen und erörtern fängt ja schon in der Schwangerschaft an und hört, offenbar, nie mehr auf. Ganz im Gegenteil, sobald die Nachkommenschaft da ist, geht es plötzlich alle etwas an, was aus dem Knirps wird. Ich wundere mich nur noch, wenn ich ungefragt und ungebeten mit den unterschiedlichsten Methoden der erfolgreichen Kinderziehung konfrontiert werde.

Ich biete euch nachfolgend einen kleinen Auszug dessen, was ich mir in regelmäßigen Abständen zu Gemüte führen darf.

„Du ziehst ihm rot an? Aber er ist doch ein Junge.“

„Hör doch auf, Henry immer „Mops“ zu nennen, das ist ihm in 20 Jahren peinlich. Nicht, dass er wirklich ein Mops wird…“

„Henry braucht keinen Schnuller, er soll doch kein Weichei werden.“

„Er darf bei euch im Bett schlafen? Meine Güte, verwöhnt ihr euer Kind.“

„Du wirst dich noch ärgern. wenn du ihm das wieder abgewöhnen musst.“

„Lass ihn doch mal weinen, sonst lernt er es ja nie.“

„Du solltest dich nicht immer so nach ihm richten, er muss lernen, dass du auch andere Dinge zu tun hast.“

„Knuddel doch nicht ständig mit Henry, er muss ein bisschen abgehärtet werden.“

„Wenn ihr so weitermacht, wird er es in der Schule bestimmt nicht einfach haben.“

Jetzt mag man sich zu Recht fragen: Um Himmels Willen, was, bitte, machen die mit ihrem Kind? Meine Antwort? Die Tatsache, dass ich mich für mein gutes Gefühl rechtfertige, macht mich sauer. Wir versuchen einfach nur, Henry gute Eltern zu sein. Wir versuchen, ihn zu fördern, ihm dabei zu helfen, eine Persönlichkeit zu werden und zu verstehen, mit welchen Augen er seine kleine Welt wahrnimmt. Vielleicht nochmal zur Erinnerung: Henry ist sieben Monate alt, er wird gerade von einem kleinen Baby zu einem großen Baby. Für ihn sind selbst die kleinsten Entwicklungen der Wahnsinn, das nimmt ihn richtig mit, macht ihn unzufrieden oder glücklich und vergrößert mit jedem winzigen Schritt seine Welt. Wir können uns, so abgestumpft, wie wir als Erwachsene nun einmal sind, überhaupt nicht vorstellen, wie anstrengend Wachstums-und Entwicklungsschübe für ein Baby sind. Wie käme irgendjemand auf die Idee, so eine winzige Person mit Verantwortung zu belasten? Woher soll er wissen, was gut für ihn ist? Wie soll er sich selbstbestimmt und frei entwickeln können, wenn wir ihn von Anfang an konditionieren? Wie verwöhne ich mein Kind, wenn ich ihn tröste, wenn ich ihn zum Lachen bringe, wenn ich sofort auf seine Bedürfnisse reagiere?

Es gibt wohl kaum ein Thema, dass so wortreich im Netz ausdiskutiert wird, wie die „richtige“ Kindererziehung. Was für ein Bullshit, ganz ehrlich. Ganz egal, ob es ums Stillen, um Windeln, Brei, Milchersatz, Bio-Baumwolle, Kinderwagen oder Sicherheit geht, man findet immer jemanden, der es besser wissen muss. Und am Ende des Tages geht es überhaupt nicht um die großartige Belesenheit mancher, sondern darum, sich in der Realität, mal ganz ab von Stiftung Warentest und Instagram, mit seinem Kind auseinanderzusetzen und eine gesunde Perspektive zu behalten. Wie diese aussieht, darf doch bitte jede Mutter selbst entscheiden. Schön, oder? Mag ja sein, dass es einfach zu verführerisch ist, sich mit anderen Müttern oder Familienmodellen zu vergleichen, dagegen zu poltern oder seinen Senf dazuzugeben. Ich bin überhaupt nicht kategorisch dagegen, sich auszutauschen oder Ratschläge zu geben, ich freue mich über gute Tipps oder nette, ehrliche Gespräche. Manchmal gibt es nichts besseres, als von einer anderen Frau empowert zu werden und als Lina mich bei einem unserer Spaziergänge noch vor 8 Uhr völlig sprachlos machte, indem sie sagte: „Du bist für mich in jeder Hinsicht eine bewundernswerte Mutter und unheimlich starke Frau!“, hätte ich weinen können. Vor Dankbarkeit, weil ich mich nicht so fühlte, weil ich müde war und erschöpft – zwar glücklich, aber geschafft. In dem Moment habe ich mir vorgenommen, anderen Müttern genau so zu begegnen, weil es mir den Tag gerettet hat: Kein Ratschlag, keine Empfehlung, keine Diskussion, kein Vergleich, sondern ein schlichtes Kompliment, ein paar nette Worte, dass meine Mühe, eine gute Mama für Henry zu sein, nicht unsichtbar ist. Dass ich nicht unsichtbar bin.

Was mich wirklich wütend macht, ist die Tatsache, das wir permanent darin beraten werden, was besser für unser Kind oder unser Familienleben sei. Fakt ist schlicht und einfach: Es gibt kein Problem und wir brauchen keine Lösung.

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Diese Kolumne lag nun seit einigen Wochen in meinen Entwürfen und man merkt unschwer: Ich war sauer, als ich sie mir von der Seele schrieb. Aber mir geht es heute oft noch genauso, wahrscheinlich wird sich auch nie etwas daran ändern, aber ich kann mich gut ärgern und von mir aus streite ich hundert Mal über die gleiche Sache, insofern: Ich gebe nicht auf. ;)

Alles Liebe, Regina

12 thoughts on “„Du verwöhnst dein Kind!“ | Eine Abrechnung mit falschen Ratschlägen.

  1. Miriam

    Unsere Tochter ist nicht mal 2 Monate alt und dass sie dann mal schreien lassen soll, nachts in ihr eigenes Zimmer bringen muss, sie nicht immer essen kriegt, wenn sie will uvm.(!) musste ich mir schon schwanger anhören. -.-‚
    Aber, mittlerweile sage ich, dass ich es im Zweifel ja ausbaden müsste, wenn ich sie in deren Aufen verwöhne und nicht sie. Ende.
    Es nervt trotzdem tierisch. :/ Aber wird anscheinend nicht aufhören.
    Gute Ratschläge, wenn ich unsicher bin, nehme ich natürlich trotzdem gerne an, wenn sie sich für mich gut und logisch anfühlen. An Liebe und Zuwendung soll es unserer Tochter aber nie mangeln.
    Liebe Grüße, Miriam

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    1. Miriam

      Ignoriere bitte die Tippfehler. Muss einhändig schreiben, da jemand heute lieber getragen wird. :D

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  2. Jenny Panzica

    Hey Regina,

    Du bist eine tolle Mama!!!! Lass dich von niemanden ärgern! İhr macht das so wie İHR es macht genau richtig.

    Ich drücke dich!!!
    LG Jenny

    Kussi an deinen „Mops“

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  3. Julia

    So ein Quatsch! Man muss sich mal vorstellen, wie einsam und verloren sich die Kinder fühlen, wenn sie nicht mehr im Bauch sind.
    Dort ist es 38.5 Grad warm, dunkel & sie hören 24/7 Mama’s Herzschlag.
    Draußen ist es kalt, laut & doof.
    Der einzige Halt, den die kleinen haben ist der Geruch, die Stimme & die Nähe der Eltern.
    Du machst alles richtig, indem du einfach intuitiv & nicht verkopft handelst!!
    Alles Liebe für euch!
    Julia

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  4. J

    Großartig! Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. In meiner Schwangerschaft haben die Tipps angefangen und nun, da der Nachwuchs da ist, reißt es nicht ab. Nachdem ich das ein oder andere gefühlt 1000x gehört habe, habe ich die „Ratgebenden“ einfach mal gefragt, warum wir als Eltern nicht die Entscheidung treffen dürfen. Darauf kam wie erwartet keine Antwort und die Ratschläge nehmen seitdem auch ab. Die Eltern müssen doch schließlich mit ihrem bzw für Ihr Kind entscheiden, was gut ist. DEN richtigen Weg kann es gar nicht geben, weil unsere kleinen Wunder alle so verschieden sind. Eine Freundin erzählte mir letztens, dass sie ihre Tochter mit über einem Jahr nachts noch stillt und wollte direkt eine Rechtfertigung hinterher schieben. Soweit ist es also schon, dass man automatisch alles im Vorfeld rechtfertigt, weil überall Kritik lauert. Dabei ist doch jeder Weg richtig, solange es Kind und Mama sowie dem Papa dabei gut geht.
    LG

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  5. Lina Mallon

    YOU GO GIRL ❤️

    Ich glaube der Unterschied zwischen dir und vielen Müttern im Netz ist nicht nur, dass ich dich KENNE und weiß, dass das was du schreibst und die Person und Mutter, die du tatsächlich bist nu ja zwei unterschiedliche Dinge sind. Es ist vollkommen einfach dir zu sagen: mach genau so weiter! Weil es so leicht ist dir mit Henry zuzuschauen und du auf mich eine unheimliche Sicherheit und einen geerdeten Instinkt ausstrahlst und ich ja auch gern des Internets jeden Tag erlebe, wie Henry sich entwickelt und wie sorgsam du auch dennoch mit deiner Umwelt umgehst. Der Unterschied ist für mich auch, dass ich die Kolumne NICHT als: „ich bin Mutter, ich weiß eh besser was ich tue“-Ausruf lese, dass es nicht darum geht unfehlbar zu sein und Mütter nicht zu kritisieren sind, diplomatische immunität genießen – sondern dass es einfach „Ratschläge“ gibt, die sich nicht einmal danach anfühlen, sondern überholte, unnötige und auch einfach unsensible Phrasen sind, die man auch analog mit: „Willst du dir wirklich die Haare schneiden, Männer lieben doch lange Mähnen!“ Oder: „Irgendwie steht dir grün nicht!“, übersetzen könnte. Es gibt Ratschläge und es gibt Stumpfsinn. Und letzterer gehört einfach abgeschafft. Bei Männern, Frauen, Müttern, Babys, beim Kaffee, auf der Arbeit oder dem Spielplatz! So!

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  6. Jessica

    Großartig und ich unterschreibe ALLES! AUSNAHMSLOS! Was für krass freche Kommentare. Einfach schlimm.
    Ich hab auch so einen Post in meinen Entwürfen und bin beim Schreiben so sauer geworden, dass ich pausieren musste.
    Ich frage mich, woher dieses Verhalten kommt? Ich meine, ich habe auch meine Meinung zu z.B Schnuller die ich allgemein auch vertrete, aber ich käme nie auf die Idee, dir zu sagen, du sollst das besser mal lassen, weil… du wirst schon wissen, warum du das tust und ob Henry das gut tut. Herrje wirklich… ich glaube manchmal, da steckt eigene Verunsicherung hinter (mache ich es bei meinem Baby/Kind richtig, wenn sie es doch so grundsätzlich anders macht?) oder wer weiß, es steckt vielleicht der Wunsch dahinter, auch so eine liebevolle Mutter gehabt haben zu wollen. Aber die hatten manche menschen nicht und gestehen sich nicht ein, dass ihnen das eben nicht gut tat. Kann mich grad nicht so gut ausdrücken, sorry :)
    Mach genau so weiter!!!! Ich folge dir so gern. (Nur bitte lass Henry nicht mehr vom Bett fallen, da leide ich dann doch mit xD)

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  7. Jessica

    Ooooh mein letzter Satz könnte falsch rüberkommen. Ist klar, dass du Henry nicht böswillig vom Bett hast plumpsen lassen. Hoffe, das kommt nicht so an.

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  8. Susi

    Liebste Rere (hoffe du verzeihst mir den steinalten kosenamen)

    Also ich kann dir leider aus Erfahrung mit 2 Kindern sagen: diese blöden Kommentare hören nie auf
    Es geht dann sogar in die andere Richtung!
    Dann sagst du zum Beispiel: nein nicht so viel süßes weil er schon was bekommen hat und dann kommen Sprüche wie
    „Lass das Kind doch essen, der kanns ja vertragen“ oder noch schlimmer „bei mir darfst du das“!
    Ich wünsche dir viel Durchhaltevermögen und auch mal taube Ohren für doofe Sprüche.
    Fühl dich gedrückt und lass dir gesagt sein: ihr seid für Henry die besten Eltern.
    Liebste Grüße,
    Susi

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  9. Lissa

    „Du verwöhnst dein Kind“ Ach ja, diesen Satz habe ich in der Kindheit auch immer gehört, wenn Bekannte und Verwandten meine Eltern in Bezug auf meine Schwester getadelt haben…ich glaube der kommt auch nie aus der Mode. Aber mir oder meiner Schwester hat die Liebe unserer Eltern gut getan und wir sind gut geraten. Von daher wünsche ich euch weiterhin wunderschön verwöhnte Zeiten mit eurem Henry – er ist sooooo putzig!

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  10. Alisa

    Ich habe selbst noch keine Kinder, aber hab jetzt schon Angst vor diesen „gut“ gemeinten Ratschlägen :D Ich hab das Phänomen jetzt schon so oft bei Freunden oder in der Familie mitbekommen… Es scheint manchmal so, dass man, sobald man Eltern geworden ist, sich für sein ganzes Verhalten rechtfertigen muss – und recht machen kann man es dann doch niemand. Jetzt kenne ich dich natürlich nicht persönlich, aber ich finde, du machst einen sehr besonnenen und vernünftigen Eindruck! :) Lass dich von solchen doofen Kommentaren nicht verunsichern, wenn man so die Bilder von Henry sieht, scheinst du bzw. ihr alles richtig zu machen! :)
    Liebe Grüße,
    Alisa von http://www.zeitvergessen.net

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  11. Steffi

    Ein Ratschlag kann auch ein Schlag sein. Deinem Text ist nichts hinzuzufügen, weil so wahr.Jede Mutter kennt das und mags nicht und trotzdem hören die übergriffigen Kommentare nicht auf.
    LG Steffi / redseconals.com

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