Das #momboss-Dilemma

Als ich die ersten Bilder als frische Mama auf Instagram gepostet habe – mit Henry oder ohne – sind mir zum ersten Mal die vielen, vielen Hashtags aufgefallen, mit denen man als #newmom seine Bilder versehen kann. Die Familiensparte ist quasi ein eigenes Feld für sich, das es in der Hinsicht zu erkunden gilt, ach was, eine eigene Wissenschaft. Wer also das Instagramgame mitspielt und in die Mamaliga aufgestiegen ist, der wird halt auch von #girlboss zu #momboss befördert. Eigentlich lustig, ich spiele ja gerne mit solchen Begriffen, allein schon, damit ich was zu schmunzeln habe. Kann ja keiner ernst meinen, sollte man meinen. „Momboss, ich, haha“, denk ich mir, wenn ich abends alleine mit meiner kalten Pommes auf dem Sofa sitze, nebenbei Suites läuft und ich mit einem schiefen Grinsen sowas von #momboss unter mein neuestes Bild setze. Ganz ohne Hintergedanken, versteht sich. Aber neuerdings häufen sich die Mails, in denen mich Mütter um Rat fragen, mich, die wirklich wenig Ahnung von dem hat, was sie hier eigentlich jeden Tag tut. Ich meine, das ehrt mich, aber da muss ich mich schon wundern, ob ich vielleicht ein verzerrtes Bild nach außen hin abliefere, quasi eine etwas romantisierte #momboss-Version von mir selbst. Klar, wer will schon den riesigen Wäscheberg sehen, das Geschirr, das sich in der Küche stapelt oder die Achselhöhlen, die schon länger kein Rasierer mehr gesehen hat? Aha, das klingt gar nicht mehr so sehr nach #momboss-Material.

Aufgrund einiger Verwunderlichkeiten fragte ich mich also neulich, was es damit denn nun auf sich hat. Ist #momboss das neue Goal unter Müttern, die sich in sozialen Netzwerken bewegen? Fakt ist: Eine Menge süßer Mamis erweitern ihre Profile plötzlich gebetsmühlenartig mit #workingmom, #mompreneur und #momboss. Meine ehrlichen Fragen dazu: 1. Wer außer euch hat denn an euren Kompetenzen gezweifelt? 2. Um uns was genau damit zu sagen? Hallo, ich bin Mama, aber ich kann auch noch andere Sachen? 3. Viel wichtiger: Reicht uns ein schlichtes #mama nicht mehr aus? Wollen wir unbekannterweise mit einer Wolke aus ausgewählten Hashtags beweisen, dass wir mehr können als 3 Wäscheprogramme zu bedienen und Katzengeräusche zu imitieren? Nur für den Fall. Mama kann ja jeder. Aber hey, wir sind #workingmoms, wir sind #busymoms, wir sind #mompreneurs und die richtig harten unter uns, die sind sogar #momboss.

Ich komme ins Grübeln, klicke mich durch die Feeds einiger Mütter in meiner Aboliste, scrolle durch perfekt anlegte Feeds, sehe herausgeputzte Kinder, wundere mich über die immerzu gestylten Haare einiger, lese die Hashtags wie einen Roman und rufe mir währenddessen ins Gedächtnis: Das ist Instagram. Das sind nur Bilder. Das ist ein klitzekleines Ausschnitt aus dem echten Leben dieser Frauen. Das ist nicht die Realität, Regina. Come on! Aber trotzdem frage ich mich: Sind die Instagram-Abbilder dieser Mütter der eigentliche Inbegriff von #momboss?

Aber gehen wir noch ein bisschen weiter in dem Gedankenkarussel: Ist #momboss eigentlich sogar das Ergebnis einer mütterfeindlichen Gesellschaft, in der vor allem wir selbst uns mal wieder ein Bein stellen? Meine Güte, was müssen wir der Welt immer beweisen, wie großartig wir sind, wie toll wir alles unter einen Hut bekommen, dass wir eben nicht nur Mama sind, sondern hallo, #momboss!

Dabei wollen wir doch eigentlich nur ernst genommen werden, wollen Respekt und Anerkennung für unsere Arbeit, für den täglichen, ganz realen Struggle zwischen Work, Life, Love. Wir sind doch diejenigen, die wollen, dass Mütter gesehen werden, dass wir als tragende Rolle in unserer Gesellschaft wahrgenommen werden und dann sind auch wir es, die ein schlichtes #mama ganz leise verschwinden lassen?

Ziemlich überspitzt, ich weiß. Einige von euch rollen jetzt mit den Augen und denken sich: CRA-HA-ZY. Stimmt, das ist alles hypothetisch, vielleicht sogar aus dem Hut gezogen, aber einen Gedanken ist es wert. Wieso #momboss?

Social Media entwickelt eine ganz eigene Dynamik, die überhaupt nicht neu ist, mich aber erstmals persönlich etwas angeht: Muss ich an mir zweifeln, wenn ich mich weder als #momboss fühle noch finde, dass #workingmom meine Kompetenzen als Mutter irgendwie in ein höheres Level katapultieren?

Versteht mich nicht falsch, es gibt durchaus diese Tage, an denen ich mir abends in Grand-Prix-Manier die Moet Chandon über den Kopf kippen möchte. Entweder, weil ich es bitter nötig habe oder weil der Tag in der Tat gut gelaufen ist, weil ich lange schlafen konnte, weil ich meine ToDos geschafft habe oder weil Henry einfach besonders fröhlich drauf war. Welcome to a mom’s life! Denn eigentlich ist es ganz einfach: Henry ist kein Projekt und Mama zu sein ist kein Projekt, sondern mein Leben. Abseits von Instagram, von Snapchat, von Youtube ist das mein realer Alltag. Ich sammle keine Punkte und ich kann hier nichts gewinnen, ich mache schlichtweg einfach alles, damit die Dinge hier reibungslos laufen. Damit alle, inklusive mir, glücklich sind. Damit alle, ja, auch meine Bedürfnisse, hier nicht zu kurz kommen. Ob das nun mein Job ist oder Alex Fußballtraining, Henrys Wachstumsschübe oder nur ein kurzer Friseurbesuch – genau das ist doch, was Mamas eben besonders gut können: Happiness-Management auf höchstem Niveau. Deswegen haben wir es verdient, #mama zu sein. Das ist kein „nur“, sondern die schönste und korrekteste Bezeichnung auf dem Wortmarkt für uns und unsere Multi-Tasking-Skills. Das inkludiert schon alles, was man sich an upgrading Hashtags so vorstellen kann. Darauf dürfen wir stolz sein, das kann nicht getoppt werden, schon gar nicht mit einem Hashtag.

Ich habe es ein bisschen auf die Spitze getrieben, aber wie seht ihr das? Geht der Hype um die perfekte Mama zu weit, sehe nur ich das so eng (Hallo Hormone!) oder ist es vielleicht doch dringend an der Zeit, stolz auf das zu sein, was wir sind: Mamas. Ganz ohne #boss.

15 thoughts on “Das #momboss-Dilemma

  1. Ivy

    Ich bin da ganz bei dir! Diese ganzen fancy Powerhashtags werten das Mamasein ab und vermitteln den Eindruck als wäre es ein unbedeutender Klacks der erst mit einem Zusatz wirklich was hermacht und Wertschätzung verdient. Mamas und Papas leisten so viel und mehr als das, auf was es durch Hashtags wie #workingmom und Co. herabgewürdigt wird. #mama reicht vollkommen aus um zu zeigen, dass man verdammt viel #power hat. Zumal ich finde, dass #workingmom und #mompreneur Muttis abwerten die sich dazu entschieden haben Zuhause zu bleiben und nebenbei kein Buisiness aufzuziehen. Alle Mamas und Papas, egal welchen Weg sie gehen, sind gleich großartig.

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    1. Regina
      regina

      Voll das schlaue Kommentar von dir, liebe Ivy! <3

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  2. Julia

    Das hast du sehr schön geschrieben. Ich kann deinen Gedankengang sehr gut nachvollziehen.
    Ich finde den Hashtag #momboss FURCHTBAR. Hatte ihn ehrlich gesagt vor deinem Post zum Glück noch nicht gehört. Aber ich finde ihn ganz furchtbar. Arrrrrgh. Ich kann es ja noch verstehen, wenn man humorvoll mit dem Hashtag um sich wirft, so nach dem Motto: Hey, ich hab heute den geilsten Brei seit Beginn der Menschheit gekocht, #momboss. Aber… ich glaube, dass die meisten das alles gar nicht lustig meinen. Die sind mal so richtig ehrgeizig. Find ich blöd. Wie du schon sagtest, reicht es denn nicht einfach Mami zu sein (Hashtag-Vorschlag #vollgekotztundglücklich)…?

    Vielleicht hat uns unsere Gesellschaft so erzogen… immer größer, besser, höher, weiter. Auch zuhause. Dass Mami-sein aber kein Job ist und man dort weder Abteilungsleiter, noch sonst irgendein #boss wird, ist vielleicht untergegangen. Manchmal erhält man als Anerkennung seiner Leistung keine Beförderung, sondern nicht mehr als eine vollgekackte Windel. Und das ist auch ok so.

    Ich bin auf jeden Fall glücklich daheim mit meinem Floh, ganz ohne #boss und würde mich echt für oben genannte Mütter freuen, wenn sie einen Gang herunterschalten und das Wunder Kind einfach nur genießen könnten. Ganz ohne Selbstoptimierung. Die Zeit vergeht doch so schnell.

    Liebe Grüße
    Julia

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    1. Regina
      regina

      You got it! Selbstoptimierung ist das Wort, das mir in diesem Text gefehlt hat aber genau beschreibt, welchem Druck sich Mamas aussetzen, wenn sie in das Hamsterrad einsteigen! <3

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  3. Aline

    Ganz ganz toller und spannender Text , der zeigt wie sehr Sprache doch Ausdruck von Prozessen und Verhältnissen unserer Gesellschaft ist! Ich würde es total feiern, wenn jemand mal einen perfekt arrangierten Berg Schmutzwäsche oder einen Stapel Abwasch mit fancy Filtern auf Instagram posten würde. :D

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    1. Regina
      regina

      Haha, Challenge accepted. Das muss man doch irgendwie hinkriegen :-)
      Danke für deine lieben Worte!

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  4. Mellli

    Ich finde es ganz passend dazu, wenn man MOM einfach mal nach unten hin spiegelt und erkennt, was dann für ein Wort dabei rauskommt.
    Da braucht es keine zusätzlichen Attribute mehr.
    Alles Liebe,
    Melli

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    1. Regina
      regina

      Genau darum gehts sogar in meinem Muttertags-Artikel, hast du den gelesen? :-)

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  5. WEEK IN SOME NOTE – RECAP #10 IN 2016 - LINA MALLON

    […] von Regina und irgendwie uns alle etwas angeht, wenn man die Perspektive ein bisschen erweitert! Ihre Gedanken zum Hashtag #MOMBOSS und seiner Inflationären Verwendung habe ich in der letzten Woche unheimlich gern gelesen! Ich bin […]

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  6. VM

    Sehr schöner Post, der meine Meinung auch sehr gut trifft. Vielen Dank dafür!!! Ich mag diese ganze „Höher, schneller, weiter, mega-multitasking-Alleskönner-Mama-IchmöchteeineSupermomsein“-Hashtags und Posts auch nicht. Wir setzen uns zum einen alle selbst unter Druck und lassen zum anderen ein sehr merkwürdiges Bild einer heutigen Mutter zurück, oder? Die Gesellschaft verlangt schon sehr viel von uns Eltern (Mamas UND Papas), da müssen wir jetzt nicht noch versuchen, alles noch leistungsorientierter zu beschreiben.
    Das Elternsein auch anstrengend ist, viel Organisation abverlangt und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine riesige Challenge ist, das ist uns ja allen eh klar! :-D

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  7. Sabine

    „Happiness-Management auf höchstem Niveau“ – Das finde ich einen wunderschönen Gedanken und auch noch so toll formuliert! Das würde ich am liebsten direkt in der Sidebar lesen ;) Ich finde nämlich, das ist es, was einen zum #Momboss, also zur richtig guten #Mama, macht. Nicht, wie viele Stunden man noch irgendwie nebenbei oder nachts an einem Projekt gearbeitet hat, das einen auf irgendwelchen anderen Ebenen legitimieren muss.

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    1. Regina
      regina

      Liebe Sabine,

      danke erstmal! <3 Vielleicht verlinke ich den Artikel mit dem Zitat wirklich mal in der Sidebar,
      ich finde die Diskussion mit euch nämlich extrem spannend dazu!
      Eine „richtig gute“ Mama gibts halt irgendwie auch nicht…man ist Mama und wenn man mehr oder weniger
      klar unterwegs ist, will man ja eh nur das Beste für sein Kind. Jeder macht das eh anders und bei jedem
      klappt es besser oder schlechter. Wir bringen dummerweise Job und Familie durcheinander und da trägt unsere
      verschrobene Gesellschaft sicher Mitschuld dran. Kinder sind halt kein Projekt, die sind ja nicht irgendwann
      „fertig“.

      Alles Liebe für dich, Regina

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  8. Trine

    Liebe Regina,
    ich bin durch Lina auf diesen Post aufmerksam geworden und finde ihn toll. Ich bin da voll und ganz bei dir: Mama braucht keine superfancy extra Beiworte.
    Jedenfalls hat mich dein Artikel so begeistert, dass ich deinen Blog durchforstet habe und dir unbedingt ein Kompliment dalassen wollte. Ich mag deinen Schreibstil sehr, deine kritische und selbstkritische Sicht. Ich hab mich in einigen Punkten auch wieder gefunden…und als werdende Mama sowieso!
    Jedenfalls hast du eine Leserin mehr ;)
    Ich freue mich auf deine weiteren Artikel!
    Liebe Grüße, Trine

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    1. Regina
      regina

      Liebe Trine,

      ja, genauso seh ich das auch! Und lieben, lieben Dank für dein Kommentar, das hat wirklich gut getan!
      Ich wünsch dir alles Gute und hoffe, dir und deinem Möpschen gehts es blendend!

      Liebe Grüße, Regina

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