Diary | Ich führe eine Fernbeziehung mit meiner Familie

Jeden Sonntag blinkt die gleiche Whatsapp von meiner Mama auf meinem Iphone auf: „Na, wie war deine Woche? Ich hab lecker gekocht, kommt doch auch vorbei!“ Klassisch, da ist es wieder. Kommt vorbei. Ich muss schmunzeln. Sowas sagt sich so leicht, über eine kleine Tastatur getippt. Ich weiß, wie sie es meint, weil sie unsere Situation natürlich kennt. Sie will mir sagen, dass ich immer willkommen bin, dass sie sich freuen würde, wenn ich tatäschlich käme, auch wenn ihr klar ist, dass ich es wahrscheinlich nicht tue. Und trotzdem ist es ein kleiner Stich ins Herz.

Ich frage mich, ob sich andere Leute auch manchmal das Gesicht des anderen vorstellen, wenn derjenige die Nachricht liest. Ich mache das jedenfalls. Und in dem Moment, als ich diese vertrauten zwei Sätze auf meinem Bildschirm sehe, kann ich meine verletzten Gefühle für ein paar Sekunden nicht verbergen. Zwei völlig harmlose Sätze. Irgendwie habe ich gedacht, meine Schwangerschaft, die offensichtlichen und nicht so offensichtlichen Veränderungen, die damit verbunden sind, würden die Krux irgendwann von selbst auflösen, aber da stehen wir, wie früher, als ich mit 19 ausgezogen bin: Kommt doch einfach schnell vorbei.

So einfach sind die Dinge ja leider meistens nicht und normalerweise bin ich nicht mutig genug, darüber zu sprechen. Aber jetzt, wo ich meinen eigenen kleinen Jungen sehnsüchtig erwarte, mir unser gemeinsames Leben ausmale, da frage ich mich schon, wie ich es machen würde. Wäre es überhaupt eine Alternative für mich, nicht an seinem Leben teilzunehmen?

(Picture: Inspo via Pinterest)

Das ist so eine Sache, mit dem ewigen Pendeln zwischen Muttis Küchentisch und unseren eigenen vier Wänden. Unsere Familie hat sich daran gewöhnt, dass wir diejenigen sind, die sich in den Zug setzen, die sich das Auto mieten, die sich auch nach einer 60h Woche, übermüdet, fix und fertig auf die Autobahn wagen, um den Liebsten zu zeigen: Wir denken an euch, vermissen euch und wollen Zeit mit euch verbringen. Ihr seid uns unsere Zeit und unser Geld wert. Nein, wir haben von beidem nicht mehr als ihr, aber ihr seid unsere Priorität.

Die Frage, wie es andersrum aussehen würde, hab ich mir nie bewusst gestellt (naja, vielleicht mal nach 3 Gläsern Rotwein), weil die Antwort auf der Hand liegt und … ja, schmerzt. Nachdem wir jetzt schon fast zwei Jahre in Hamburg wohnen, können wir das mal zusammen machen, dann fühle ich mich nicht so alleine dabei und vielleicht tut die Enttäuschung über die neu gewonnene Erkenntnis nicht ganz so weh: Wer macht sich denn eigentlich mal für uns die Mühe, setzt sich nach einer langen Arbeitswoche ins Auto nach Hamburg, kommt zum Essen vorbei, nur weil die Einladung so nett klingt oder hat uns einfach mal vermisst? Puuuuuh. Die Liste ist kurz, sehr kurz.

Der Weg so weit, die Strecke zu lang, müde von der Woche, der Rücken tut weh, das Wochenende verplant, das Kind schlecht drauf und tanken muss man ja auch noch… 1000 gute Gründe, die ich nachvollziehen kann. Aber wir stecken in den gleichen Schuhen, uns geht es ganz genauso und sicher kommt einem der Weg kürzer vor, wenn man ihn nicht selber gehen muss. Kommt ihr doch einfach. 250km sind in beide Richtungen die gleiche Entfernung, möchte ich dann manchmal schreien und schlucke meinen Ärger runter.

Meine beste Freundin fragte mich vor ein paar Wochen, ob mir meine Familie nicht fehlt. Doch, natürlich, aber deswegen ziehe ich nicht zurück in die Kleinstadt, aus der ich vor 10 Jahren geflüchtet bin. Das Problem ist ja nicht einmal die Entfernung, sondern die Einstellung dazu. Unser Leben in Hamburg war eine bewusste Entscheidung, für den Job und für uns. Das ist aus keiner Laune heraus mal eben so passiert und ich verspreche euch, dass der Start in einer Stadt ohne Freunde und Familie kein einfacher ist. Aber: Wir fühlen uns hier mittlerweile zuhause und angekommen. Und das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum manchmal ein unterschwelliges, kaum hörbares ‘Naja, selbst schuld!‘ mitschwingt, wenn wir wieder mal eine Absage bekommen. Verständnis? Wofür? Das Beziehungen immer besser funktionieren, wenn beide Seiten ein paar Schritte aufeinander zu gehen, das man seine Zeit planen kann oder das es mich einfach sehr glücklich machen würde, wenn meine Mutter, mein Papa oder meine Geschwister zur Überraschung des Tages mal vor meiner Tür stehen würden, klingt ja fast schon zu banal, um die Lösung zu sein.

Ich habe mich nach all den Jahren eigentlich schon daran gewöhnt, meine Familie nicht oft um mich zu haben und meistens ist es ok. Ich sage mir dann immer: Quality Time geht über Quantity Time, nicht die Häufigkeit ist entscheidend, sondern wie man die Zeit miteinander verbringt. Ich kann viel einstecken, habe mittlerweile eine bemerkenswert hohe Schmerzgrenze was verletzte Gefühle angeht und herrje, ich weiß doch am besten aus eigener Erfahrung, wie anstrengend es ist, wenn man alle glücklich machen will und nur noch zwischen Terminen jongliert. Ich versuche es trotzdem und vielleicht gelingt es uns mittlerweile besser als anderen.

Aber gerade jetzt, wo es mir manchmal doch unendlich schwer fällt, alleine in dieser Stadt zu sein, wo mir ein ehrliches „Wie gehts dir?“ mehr helfen würde als Schokolade, wo ich wirklich eine anständige Prise mehr Liebe gebrauchen und ein bisschen mehr Interesse an unserem Leben hier gut vertragen könnte, da ist so ein dahergesagtes ‚Kommt doch einfach schnell vorbei‘ eine verdammte Ohrfeige für mich, weil es eben nicht einfach so geht.

Ja, heute ist so ein Sonntag, an dem ich mich ärgere, an dem ich enttäuscht bin, mir Luft machen muss und mich alleingelassen fühle. Aber der Kuchen steht im Ofen, falls doch noch jemand vorbeikommt…

15 thoughts on “Diary | Ich führe eine Fernbeziehung mit meiner Familie

  1. Anno

    hey (:
    ich kenne das problem. seit ich vor 7 jahren ausgezogen bin war meine mutter mich kein einziges mal besuchen.
    meine schwester ist letzten sommer das erste mal vorbeigekommen.
    gut, zwischen uns liegen über 600km, aber ich mache mir ja schließlich auch die mühe mich stunden lang in einen zug oder auto zu setzen, um sie zu sehen.
    u___u familie ist manchmal einfach nur blöd.

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    1. Regina
      regina

      Liebe Anno, puuuuh, 7 Jahre sind schon ’ne harte Nummer. D
      Meine Familie ist eigentlich klasse und ich verbringe wirklich gerne meine Zeit mit allen! Aber deswegen tut es wahrscheinlich auch so weh – weil sich einfach nichts verändert, obwohl sich bei uns gerade ALLES verändert. Und irgendwie dachte ich, das würde irgendwas bewegen…

      Liebe Grüße an dich!

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  2. Julia

    Hallo liebe Regina,
    Ich kann deine Gefühle nur allzu gut nachvollziehen. Ich bin vor ca 2,5 Jahren zum Studieren ausgezogen, seitdem hat sich auch einiges verändert. Es sind zwar nur ungefähr 160 km zu meinem Heimatort, aber selbst die scheinen für manche unüberwindbar. Bei mir sind es vor allem die „Freunde“, die der Auffassung waren, ich sei weggezogen also müsste ich mich 1. immer melden um was zu unternehmen und 2. dann auch bitte immer zurückkommen. Dieser „selbst schuld“ – Unterton der da mitschwingt weil man eine selbstbestimmte Entscheidung für SICH SELBST und gegen die Erwartungshaltung der anderen getroffen hat, kann ich also sehr verstehen.
    Die, die mich in der Zeit besuchten kann ich an einer Hand abzählen. Aber da sieht man wohl, was das ganze bedeutete. Mittlerweile habe ich mich auch damit arrangiert und sehe es so – wenn es nicht sein sollte, völlig in Ordnung. Das ist das Leben, manchmal verliert man sich, manchmal findet man sich wieder. Und wenn nicht, dann geht eine neue Tür auf.

    Ich wünsche euch dreien alles Gute für die Zukunft!
    Liebe Grüße,
    Julia

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    1. Regina
      regina

      Hey Julia! Ja, ich hab mich damals im Studium in Hannover auch immer gewundert, dass selbst die kleinsten Strecken plötzlich nicht mehr zu überwinden sind. Man gewöhnt sich an alles und du hast völlig Recht, Freunde kommen – und gehen. That’s life. Ich bin auch eigentlich nicht bitter darüber, aber heute…war ein Scheißtag. :-(

      Danke dir für deine Worte! <3

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  3. Lali

    Ach Herzi, unter jeden Post von dir muss ich ja aktuell mit „<3" kommentieren.
    Ich fühle mit dir, auch wenn es nicht meine Eltern sind, die nicht zu Besuch kommen – aber da gibt es genug andere.. :(

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    1. Regina
      regina

      <3 Herz zurück an dich!

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  4. Jenifer Panzica

    Hey …

    İch komme dich gerne mal besuchen.. İch wohne doch auch in HH. Dann Kann ich mal von deinem Kuchen naschen und dich aufmuntern. Sag einfach Bescheid.

    Und nieeeemals solltet ihr zurück gehen..Das kommt nicht in Frage..dafür ist unsere Stadt jetzt viel schöner!!! Aber ich weiss, was du meinst.

    Meine Mama fehlt mir auch..und wir sind auch echt oft zuhaus..Aber glaub mir, wenn dein kleiner Mops da ist..kommen deine Eltern bestimmt öfter hoch.. auch um dir zu helfen..

    İch Drück dich!!! Deine Jenny!!! Kussi

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    1. Regina
      regina

      Hey Jenny, ja, komm rum, du bist herzlich eingeladen :-)

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  5. Anina

    Liebe Regina,
    Du sprichst mir so aus der Seele. Ich habe den Titel gelesen und dachte mir gleich „ok das hat Potential, mich ein wenig aufzuwühlen, egal ich les es trotzdem “ das liegt daran, dass ich alles 1zu 1 unterschreiben kann. Wohne mittlerweile wieder fast 500 km von daheim entfernt.

    Oft kommen (vor allem) von Freunden „vermiss dich“ dann möchte ich am liebsten schreiben „ja du weißt ja wo ich wohne. Denn natürlich ist die zweite frage „wann bist du in der Heimat?“.
    Ich kann einfach nicht nachvollziehen wieso das immer eine Einmann- Veranstaltung sein muss … Und gerade bei der Familie ist das auch nichts anders.

    Ich mein klar wird die Familie öfter da sein, wenn der Nachwuchs sich anbahnt, aber man möchte ja auch Grund genug sein.

    Naja regen wir uns nicht auf. Sie meinen es nicht böse und lieben uns. Vielleicht reicht es auch Ihnen mal die Augen etwas zu öffnen.

    Fühl dich gedrückt
    Anina

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  6. KISSENY

    ❤ Hallo Regina,

    Liest deine Familie den Blog? Hast du das mal genau so angesprochen? Manchmal schleicht sich sowas einfach ein, ohne dass es absichtlich gewollt ist.

    Haben sie gesagt, wie sie sich es vorstellen, wenn das Kind da ist? Nicht jedes Baby mag ja so lange Autofahrten ;)

    Viele Grüße
    Sophie vom KISSENY Team

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    1. Regina
      regina

      Hallo liebe Sophie, erstmal: Danke fürs Teilen des Artikels! <3
      Das Thema ist, ehrlich gesagt, sogar ein alter Schuh – wir sprechen immer mal wieder darüber, aber Einladungen werden in der Regel ganz schnell abgewedelt. Ich glaube, wenn man selber nicht in der Situation steckt, ist einem auch gar nicht unbedingt klar, wie verletzend sowas sein kann. Ich bin mir sogar sicher, dass niemand aus meiner Familie böse Absichten hegt, es hat sich einfach eingebürgert und ist eben auch viel bequemer so.
      Ich bin selbst gespannt, ob sich irgendwas ändert, wenn der kleine Mops da ist – aber es würde mich auch nicht überraschen, wenn es genauso bleibt, wie es ist. Dafür stelle ich mich aber auch nicht mehr auf den Kopf, dafür fehlt mir mittlerweile der Atem…mein Job ist es, eine gute Mutter zu sein. Die Großeltern, Tanten und Onkel sind da schon selbst in der Pflicht, sich um ihre „Aufgabe“ zu kümmern. Zum Glück haben wir tolle, tolle Freunde in Hamburg und vielleicht ist es für ein Kind auch gar nicht schlecht, sich seine Familie zumindest zum Teil selbst zusammenzupuzzlen :-)

      Liebe Grüße zurück!

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  7. Deborah

    Kenne ich leider zu gut :-( nur das es bei mir nicht 600km, sondern nur 200m waren… Es war wohl die Gewohnheit, dass ich als Tochter zu Besuch komme und nicht meine Eltern zu mir. Obwohl ich sehr gerne Besuch habe…

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  8. Sabine

    Ein tiefsinniger Beitrag, der mich gerade echt nachdenklich macht.
    Ich bin auch die, die weggegangen ist, und unter Umständen (sogar ziemlich sicher) nicht mehr zurückkommt. Ein bisschen schuldig fühlt man sich da irgendwie schon, und vielleicht resultiert das auch in einem (beidseitigen) Gefühl, dass man derjenige sein muss, der den Kontakt halten und zu Besuch kommen muss. Seit ich vor einem halben Jahr nach Hamburg gezogen bin waren meine Eltern ein Mal bei mir, vor allem auch, um mir beim Einrichten der Wohnung zu helfen, und ich war zwei Mal in meiner alten Heimat, um Familie und Freunde zu sehen. Weil ich es dieses Jahr vor Pfingsten nicht nach Hause schaffe, kommen sie mich wahrscheinlich an Ostern besuchen, was mich sehr freut! Ich weiß allerdings nicht, wie das sein wird, wenn sie ein bisschen älter werden, Hamburg touristisch „abgegrast“ haben und meine finanzielle Situation es theoretisch zulassen würde, öfter zu ihnen zu fahren.
    Meine Oma wartet nämlich zum Beispiel eisern darauf, dass meine Mutter mit ihrem Vollzeitjob plus Haushalt sie anruft. „Normalerweise melden sich die Kinder bei den Eltern, oder?!“ schmollt sie dann nach zwei Wochen ins Telefon. Ich hoffe, daraus haben meine Eltern Lektionen gezogen, die auch anhalten..

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  9. Elena

    Hallo Regina,
    ja die Problematik kenne ich. Bis auf Eltern, Schwiegereltern und die zwei besten Freunde hat es keiner zu mir geschafft. Zunächst fürs Studium vor 8 Jahren 588km weg gezogen und nun zum Leben und Arbeiten 701km entfernt. Das fährt man für 1 Wochenende nicht. Aber jeden Urlaubstag wollen mein Mann und ich auch nicht bei der Familie verbringen. Das Ergebnis ist man sieht sich wenig dafür genießen es beide Seiten um so mehr wenn man sich sieht und verbringen die Zeit qualitativ wertvoll.
    Lustigerweise hat sich nun wo wir auch einen kleinen Mops erwarten eine kleine Liste an Anmeldungen für einen Besuch aufgetan. Was so Nachwuchs alles bewirken kann :-) Aber noch viel mehr bin ich gespannt wer es bei einer Ankündigung belässt und wer am Ende wirklich zu uns kommt.
    Liebe Grüße aus Wien
    Elena

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  10. Caro

    Liebe Malina,
    ich kenne diese Problematik so gut!
    Ich bin vor einem Jahr zum Studium 300 km weg von Zuhause in eine andere Stadt gezogen. Am Anfang hatte ich mich noch über den Tapetenwechsel gefreut und mir schon viele Dinge vorgestellt, die ich mit meiner Familie und vorallem mit meiner Mutter bei ihrem Besuch erleben könnte.
    Die Enttäuschung kam schnell.
    Nachrichten erreichen mich einmal die Woche, um nach dem allgemeinen Befinden zu fragen, ansonsten lebt jeder sein Leben. Zu Besuch kam man in dieser Zeit ein einziges Mal, weil man „sowieso gerade auf der Durchreise war“.
    Dieses Desinteresse enttäuscht sehr und man fühlt sich einfach nur allein gelassen und ungeschätz.
    Ich hoffe, dass sich das Verhalten deiner Familie mit der Geburt deines Kindes positiv verändert und wünsche euch alles Glück für die Zukunft.
    Caro

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